Und überall sind Kameras
Februar 8th, 2012Wenn du deine Zukunft nicht selbst in die Hand nimmst,
dann wirst du auch keine haben – so einfach ist das.
(Johnny Rotten)
When there’s no future how can there be sin?¹ Nemo hat den Achtziger-Jahre-Walkman voll aufgedreht, um das ratternde Geräusch der U53 mit den Sex Pistols zu übertönen, als er mit einem Haufen kopierter A4-Blätter und einer Kiste Spraydosen bewaffnet zur finalen Mission des Jahres ausrückt. Draußen liegt die Dunstglocke des eisgrauen Dezemberhimmels kehlkopfabschnürend über der Stadt. We’re the flowers in the dustbin, schallt es durch den kameraüberwachten Wagen, wo sich Nemo demonstrativ unter das Robusta-Kampagneplakat zum Musik- und Verzehrverbot gepflanzt hat und genießerisch an seiner E-Zigarette zieht. We’re the poison in the human machine. Auf ein veraltetes Werbeplakat der universitären Exorbitanz-Initiative schreibt Nemo mit einem schwarzen Edding “Anarchy in the UB”. Aufgeregte U-Bahn-Insassen starren ihn kopfschüttelnd an – Nemo feixt zurück.
Durch die Häuserschluchten draußen treibt ein leichenkalter Nordostwind Industrieschnee aus den wenigen noch verbliebenen Schloten, “die mit ihren sich hochwindenden Rauchfäden an den Wolken hängen”,² wie Filippo Tommaso Marinetti es schon am Vorabend des Ersten Weltkriegs in seinem Manifesto del futurismo beschrieb und die laut aktueller Konjunkturprognosen ebenfalls bald schon Geschichte sein sollen. Seit wenigen Monaten erst ragt aus den Schluchten jedoch eine neue Landmarke heraus: das die abendliche Kulisse der Akademiestraße mit einem gewaltigen Schlagschatten überziehende Exorbitanzhaus.
Als sich Nemo aus den Tiefen des U53-Schachts ans fahle Abendlicht kämpft, pfeift durch die noch leeren Fensterlöcher des Betonskeletts der sich langsam zum Frühwintersturm steigernde Wind seine gespenstische Todesfuge wie ein melancholisches Himmelskind auf tausend riesenhaften Flaschen. Wahrlich, ein architektonisches Meisterwerk ward hier geschaffen – ein Geniestreich der Architektenzunft ist geronnen zu Stahlbeton: Auf einem siebenstöckigen Rundbunker errichtet die Rohrstadtmetropole einen achtzehngeschossigen Glaspalast, der den architektonischen Größenwahn finsterster Vergangenheit noch in den Schatten stellen könnte. Über 3.000 Menschen waren hier trotz unvollendeten Innenausbaus in den Bombenhagelnächten seit 1943 mit ihren Bombenhagelnächsten zusammengepfercht. Und nun, 70 Jahre später, soll der Bunker in neuem Glanz erstrahlen – eine Hommage an den Krieg, an “die Liebe zur Gefahr”, an “die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit”,² wie selbst die Futuristen sie nicht krasser in Wortbetonhülsen hätten gießen können.
Nicht zuletzt die Beschwörung der Gefahr könnte sich angesichts des unter dem U53-Schacht lauernden Abgrunds samt exorbitantem Haltepunkt als prophetische Metapher erweisen: Vielleicht würde ja bald schon, ja bald der Statikgott den Spuk beenden und den Exorbitanztempel wie beim U-Bahn-Bau zu Köln Geschichte machen… In der Mitte des Bauzauns findet Nemo eine mit dem Signum des Rohrstadtautors Philipp D. versehene Hommage an eine Literaturikone, deren Erbe wohl den Einsturz sämtlicher Archive des Landes ohne jede Schramme überstehen würde. Wie einst Goethe an die Holzwand einer Jagdhütte hat der Verfasser seine Zeilen mit einem dünnen Bleistift in die Bauzaunbretter graviert:
Über allen Dächern
der Ruhr,
in allen Winkeln
spürest du
laut einen Hauch;
der Baubeton pfeift
auf die Halde.
Warte nur, balde
rumpelst du auch.
In konzentrischen Kreisen um den Schriftzug herum nagelt Nemo seine fünfundneunzigfach kopierte Exmatrikulationsbescheinigung mit geschwärztem Namenszug, und auch die vielen Kameras im Eingangsbereich der exorbitanten Haltestelle können ihn nicht daran hindern, eine Spraydose zu zücken und in Riesenlettern There is no future in Rohrstadt-dreaming an den Zaun zu sprühen. Andere Aktivisten waren schneller als Nemo: “Auf des Rundbunkers Trommel ein Gruß an Speer und Rommel”, haben wohl irgendwelche Nazis in mehreren Metern Höhe aufs Holz geschmiert. Ein unfreiwillig treffendes Motto für das exzentrische Architekturkonzept, geht es Nemo durch den Kopf. Mit einer unlängst geerbten Leica macht er selbst noch ein paar Bilder von seiner antifuturistischen Readymade-Collage samt Überwachungskameras im Hintergrund – für den erwartbaren Fall, dass das Ganze schon bald dem behördlichen Zugriff anheimfallen würde statt gleich neben Beuys’ Fettecke in der Kunstsammlung NRW zu landen.
Also, sprach Zarathustra, ich mach’ dich Stadtarchiv, fügt Nemo seinem Gesamtkunstwerk hinzu und macht schnell noch ein Foto. ‘Fehlt nur noch eine Musik-Installation’, denkt er halblaut und lenkt seine Schritte Richtung nächstgelegener Telefonzelle, weil er Mobiltelefone aus guten Gründen nie benutzt. Seine Kumpels sind – Zarathustra sei Dank – zuhause und spontan von der Idee begeistert: Keine Stunde später ist der Sockel des exorbitanten Gebäudes umsäumt von mehreren Kubikmetern Boxen, und schwere Bässe lassen das Fundament erzittern.
Nooo future – nooo future – there is no future for you!, schmettern Nemo und ein halbes Dutzend Band-Kollegen dem Exorbitanzbau entgegen. In Windeseile haben sie wirklich ihr allerbestes Equipment aufgefahren und übertönen mit ihrem Sex-Pistols-Cover das Todesfugen-Pfeifen des Wintersturms um ein Vielfaches. Noch bevor God s(h)ave the Queen verklungen ist, hat sich das halbe Viertel um die Band gruppiert und skandiert vielkehlig We want more! “OK”, brüllt Nemo heiser ins Mikro, “Ihr wollt mehr – Ihr kriegt mehr! Auch wenn hier gerade nicht das 25. Thronjubiläum der Queen ansteht, sondern nur der 70. Geburtstag eines faschistischen Rundbunkers. Aber wir wollen dem Exorbitanzwahn noch ein passendes Ständchen singen!”
Als die ersten Takte von Haus der Lüge erklingt, das die Einstürzenden Neubauten 2004 noch vor dem Abriss des Palasts der Republik an jenem historischen Ort spielen konnten, singen die unablässig herbeiströmenden Massen erst zögerlich, dann immer euphorischer mit. Es hat etwas von einem Requiem auf eine zerstürzende Welt, als der Publikumschor schließlich unisono den Schlussrefrain intoniert, sodass die Winterluft erzittert:
Gott hat sich erschossen
ein Dachgeschoss wird ausgebaut
Gott hat sich erschossen
Ein Dachgeschoss wird ausgebaut
Gott hat sich erschossen
Ein Dachgeschoss wird aus…³
Weiter kommen sie nicht. Die vorletzte Silbe geht bereits unter in einem apokalyptischen Knirschen, welches sogleich das Trauma schlechter 9/11-Amateurvideos in Nemos Unterbewusstsein abruft und nur eine Antwort kennt: Flucht. Flucht vor dem Kollaps – das letzte Neubauten-Lied, das sie sicherlich noch geschafft hätten, bevor garantiert die Bullen angegondelt wären wegen der infernalischen Bässe.
Ein Tsunami kreischend fliehender Menschen wälzt sich die Akademiestraße hinab Richtung Hauptbahnhof, während hinter ihnen wie in Zeitlupe das Fundament des überbauten Weltkriegskoloss wegsackt und die beiden ersten Stockwerke verschluckt werden vom gierigen U-Bahn-Schlund, der seinen Rachen aufsperrt wie jene “gefräßigen Bahnhöfe” des Futuristischen Manifests, “die rauchende Schlangen verzehren”. Und während sich wie durch ein Wunder alle retten können, sinkt er dahin, der exorbitante Turmbau zu Babel und hinterlässt nichts als Schall und Rauch, Steine und Scherben. Denn alles, was bleibt, sind die verpixelten Videos verpeilter Überwachungskameras.
We’re the flowers in the dustbin.
¹ Sex Pistols: God Save the Queen (1977 [erschienen zum fünfundzwanzigjährigen Thronjubiläum von QE II]).
² Filippo Tommaso Marinetti: Manifest des Futurismus, erschienen in: Le Figaro, Paris, 20. Februar 1909.
³ Einstürzende Neubauten: Haus der Lüge (1989).