Und überall sind Kameras

Februar 8th, 2012

Wenn du deine Zukunft nicht selbst in die Hand nimmst,
dann wirst du auch keine haben – so einfach ist das.

(Johnny Rotten)

When there’s no future how can there be sin?¹ Nemo hat den Achtziger-Jahre-Walkman voll aufgedreht, um das ratternde Geräusch der U53 mit den Sex Pistols zu übertönen, als er mit einem Haufen kopierter A4-Blätter und einer Kiste Spraydosen bewaffnet zur finalen Mission des Jahres ausrückt. Draußen liegt die Dunstglocke des eisgrauen Dezemberhimmels kehlkopfabschnürend über der Stadt. We’re the flowers in the dustbin, schallt es durch den kameraüberwachten Wagen, wo sich Nemo demonstrativ unter das Robusta-Kampagneplakat zum Musik- und Verzehrverbot gepflanzt hat und genießerisch an seiner E-Zigarette zieht. We’re the poison in the human machine. Auf ein veraltetes Werbeplakat der universitären Exorbitanz-Initiative schreibt Nemo mit einem schwarzen Edding “Anarchy in the UB”. Aufgeregte U-Bahn-Insassen starren ihn kopfschüttelnd an – Nemo feixt zurück.

Durch die Häuserschluchten draußen treibt ein leichenkalter Nordostwind Industrieschnee aus den wenigen noch verbliebenen Schloten, “die mit ihren sich hochwindenden Rauchfäden an den Wolken hängen”,² wie Filippo Tommaso Marinetti es schon am Vorabend des Ersten Weltkriegs in seinem Manifesto del futurismo beschrieb und die laut aktueller Konjunktur­prognosen ebenfalls bald schon Geschichte sein sollen. Seit wenigen Monaten erst ragt aus den Schluchten jedoch eine neue Landmarke heraus: das die abendliche Kulisse der Akademiestraße mit einem gewaltigen Schlagschatten überziehende Exorbitanzhaus.

Als sich Nemo aus den Tiefen des U53-Schachts ans fahle Abendlicht kämpft, pfeift durch die noch leeren Fensterlöcher des Betonskeletts der sich langsam zum Frühwintersturm steigernde Wind seine gespenstische Todesfuge wie ein melancholisches Himmelskind auf tausend riesenhaften Flaschen. Wahrlich, ein architektonisches Meisterwerk ward hier geschaffen – ein Geniestreich der Architektenzunft ist geronnen zu Stahlbeton: Auf einem siebenstöckigen Rundbunker errichtet die Rohrstadtmetropole einen achtzehngeschossigen Glaspalast, der den architektonischen Größenwahn finsterster Vergangenheit noch in den Schatten stellen könnte. Über 3.000 Menschen waren hier trotz unvollendeten Innenausbaus in den Bombenhagelnächten seit 1943 mit ihren Bombenhagelnächsten zusammengepfercht. Und nun, 70 Jahre später, soll der Bunker in neuem Glanz erstrahlen – eine Hommage an den Krieg, an “die Liebe zur Gefahr”, an “die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit”,² wie selbst die Futuristen sie nicht krasser in Wortbetonhülsen hätten gießen können.

Nicht zuletzt die Beschwörung der Gefahr könnte sich angesichts des unter dem U53-Schacht lauernden Abgrunds samt exorbitantem Haltepunkt als prophetische Metapher erweisen: Vielleicht würde ja bald schon, ja bald der Statikgott den Spuk beenden und den Exorbitanztempel wie beim U-Bahn-Bau zu Köln Geschichte machen… In der Mitte des Bauzauns findet Nemo eine mit dem Signum des Rohrstadtautors Philipp D. versehene Hommage an eine Literaturikone, deren Erbe wohl den Einsturz sämtlicher Archive des Landes ohne jede Schramme überstehen würde. Wie einst Goethe an die Holzwand einer Jagdhütte hat der Verfasser seine Zeilen mit einem dünnen Bleistift in die Bauzaunbretter graviert:

Über allen Dächern
der Ruhr,
in allen Winkeln
spürest du
laut einen Hauch;
der Baubeton pfeift
auf die Halde.
Warte nur, balde
rumpelst du auch.

In konzentrischen Kreisen um den Schriftzug herum nagelt Nemo seine fünfundneunzigfach kopierte Exmatrikulationsbescheinigung mit geschwärztem Namenszug, und auch die vielen Kameras im Eingangsbereich der exorbitanten Haltestelle können ihn nicht daran hindern, eine Spraydose zu zücken und in Riesenlettern There is no future in Rohrstadt-dreaming an den Zaun zu sprühen. Andere Aktivisten waren schneller als Nemo: “Auf des Rundbunkers Trommel ein Gruß an Speer und Rommel”, haben wohl irgendwelche Nazis in mehreren Metern Höhe aufs Holz geschmiert. Ein unfreiwillig treffendes Motto für das exzentrische Architekturkonzept, geht es Nemo durch den Kopf. Mit einer unlängst geerbten Leica macht er selbst noch ein paar Bilder von seiner antifuturistischen Readymade-Collage samt Überwachungskameras im Hintergrund – für den erwartbaren Fall, dass das Ganze schon bald dem behördlichen Zugriff anheimfallen würde statt gleich neben Beuys’ Fettecke in der Kunstsammlung NRW zu landen.

Also, sprach Zarathustra, ich mach’ dich Stadtarchiv, fügt Nemo seinem Gesamtkunstwerk hinzu und macht schnell noch ein Foto. ‘Fehlt nur noch eine Musik-Installation’, denkt er halblaut und lenkt seine Schritte Richtung nächstgelegener Telefonzelle, weil er Mobiltelefone aus guten Gründen nie benutzt. Seine Kumpels sind – Zarathustra sei Dank – zuhause und spontan von der Idee begeistert: Keine Stunde später ist der Sockel des exorbitanten Gebäudes umsäumt von mehreren Kubikmetern Boxen, und schwere Bässe lassen das Fundament erzittern.

Nooo future – nooo future – there is no future for you!, schmettern Nemo und ein halbes Dutzend Band-Kollegen dem Exorbitanzbau entgegen. In Windeseile haben sie wirklich ihr allerbestes Equipment aufgefahren und übertönen mit ihrem Sex-Pistols-Cover das Todesfugen-Pfeifen des Wintersturms um ein Vielfaches. Noch bevor God s(h)ave the Queen verklungen ist, hat sich das halbe Viertel um die Band gruppiert und skandiert vielkehlig We want more! “OK”, brüllt Nemo heiser ins Mikro, “Ihr wollt mehr – Ihr kriegt mehr! Auch wenn hier gerade nicht das 25. Thronjubiläum der Queen ansteht, sondern nur der 70. Geburtstag eines faschistischen Rundbunkers. Aber wir wollen dem Exorbitanzwahn noch ein passendes Ständchen singen!”

Als die ersten Takte von Haus der Lüge erklingt, das die Einstürzenden Neubauten 2004 noch vor dem Abriss des Palasts der Republik an jenem historischen Ort spielen konnten, singen die unablässig herbeiströmenden Massen erst zögerlich, dann immer euphorischer mit. Es hat etwas von einem Requiem auf eine zerstürzende Welt, als der Publikumschor schließlich unisono den Schlussrefrain intoniert, sodass die Winterluft erzittert:

Gott hat sich erschossen
ein Dachgeschoss wird ausgebaut
Gott hat sich erschossen
Ein Dachgeschoss wird ausgebaut
Gott hat sich erschossen

Ein Dachgeschoss wird aus…³

Weiter kommen sie nicht. Die vorletzte Silbe geht bereits unter in einem apokalyptischen Knirschen, welches sogleich das Trauma schlechter 9/11-Amateurvideos in Nemos Unterbewusstsein abruft und nur eine Antwort kennt: Flucht. Flucht vor dem Kollaps – das letzte Neubauten-Lied, das sie sicherlich noch geschafft hätten, bevor garantiert die Bullen angegondelt wären wegen der infernalischen Bässe.

Ein Tsunami kreischend fliehender Menschen wälzt sich die Akademiestraße hinab Richtung Hauptbahnhof, während hinter ihnen wie in Zeitlupe das Fundament des überbauten Weltkriegskoloss wegsackt und die beiden ersten Stockwerke verschluckt werden vom gierigen U-Bahn-Schlund, der seinen Rachen aufsperrt wie jene “gefräßigen Bahnhöfe” des Futuristischen Manifests, “die rauchende Schlangen verzehren”. Und während sich wie durch ein Wunder alle retten können, sinkt er dahin, der exorbitante Turmbau zu Babel und hinterlässt nichts als Schall und Rauch, Steine und Scherben. Denn alles, was bleibt, sind die verpixelten Videos verpeilter Überwachungskameras.

We’re the flowers in the dustbin.



¹ Sex Pistols: God Save the Queen (1977 [erschienen zum fünfundzwanzigjährigen Thronjubiläum von QE II]).

² Filippo Tommaso Marinetti: Manifest des Futurismus, erschienen in: Le Figaro, Paris, 20. Februar 1909.

³ Einstürzende Neubauten: Haus der Lüge (1989).

Castor

November 11th, 2011

Der Einbaum, der schwankend die Ruhr hinabgleitet, bietet Platz für acht Personen – plus Steuermann, der auf einer Holzblocktrommel den Takt vorgibt. Den Baum haben sie im Sauerland gefällt und ausgehöhlt – es ist eine Eiche. Früher: ja – in grauer Vorzeit, da glitt hier jener schnittige Ruder-Achter der Universität durch die Ruhr, der einst auf dem nahegelegenen Stausee die Teams von Oxford und Cambridge abhängte. Früher, das war vor dem GAU. Wie viele Überlebende sich jetzt gerade irgendwo auf der Welt durchschlagen, ist ungewiß.

Einer von ihnen ist Castor, der zwischen Wetter und Witten gerade die Frequenz der Trommelschläge steigert. Hier, wo auf der parallel zum Fluß verlaufenden Asphaltpiste seinerzeit noch Amok-Raser geblitzt wurden, durchpflügt nun der Einbaum behäbig das Wasser. Vor dem GAU wäre für derart ressourcenschonende Aktivitäten das Nachhaltigkeitsabzeichen erster Klasse fällig gewesen, Höflichkeitsbeifall bei der Auszeichnungszeremonie inklusive. Heute applaudiert niemand mehr für irgendwas; die umliegenden Büsche und Bäume schweigen: urzeitliche Stille – durchbrochen nur vom Trommeltakt und dem Klatschen der Ruderblätter.

Als Politiker glaubte Castor einst, zu sich selbst gefunden zu haben nach einem langen Lauf durch die Institutionen. Die Erinnerung hieran jedoch ist lange verblaßt: Nachdenklich legt er die Dackelstirn in Falten, die Schatten der Vergangenheit beschwörend. Fast alles ist verwandelt seit dem GAU: Am Ufer gigantische Farne und Schachtelhalme aus der Kreidezeit, kängeruhgroße Mutantenhasen dazwischen. Nur die niemals entschärften Blindgänger aus einem längst vergessenen Krieg vor der Ära der new civilization liegen immer noch am einstigen Ruhr-Ufer. Irgendwann würde die Druckwelle einer riesigen Detonation durch die Schachtelhalmwälder fegen, wenn einer der sprunggewaltigen Titanenhasen auf den Zünder einer 500-Kilo-Bombe hüpfte. Dann aber könnte keine bebilderte Zeitung mehr in Riesenlettern titeln: Terror der Gewalthasen bedroht Zivilisation, denn selbst unbebilderte Zeitungen existieren nicht mehr, und auch die neue ‘Zivilisation’ – falls es so was wirklich je gegeben haben sollte – ist unwiderruflich abgewickelt.

An einer Stromschnelle, die Castor ohne jegliche Vorwarnung überrascht, schießt eine Mammutforelle aus dem Wasser. Der Einbaum kann gerade noch ausweichen und eine Havarie abgewendet werden. Castor stößt archaische Flüche aus, reißt sich aber sogleich wieder zusammen und setzt sein monotones Getrommel fort. Wieder in ruhigeres Gewässer gelangt, läßt er die Gedanken schweifen: Die Zeit vor dem GRÖßTEN ANZUNEHMENDEN UNFALL ist für ihn wie die ferne, verschleierte Erinnerung an ein versunkenes Empire, das einst den ganzen Globus umklammerte: Alles und jedes war irgendwie miteinander verknüpft – sämtliche Exemplare der Spezies homo sapiens sapiens waren durch bei der Geburt implantierte WET-WARE samt Mobilfunksender permanent mit einem globalen Zentralcomputer vernetzt. Zudem wurde die Generierung von Pflanzen und Tieren über einen GLOBAL-GENETIC-GENERATOR weitgehend vereinheitlicht. Nur wenige renitentere Spezies wie Ochsenfrösche, Vogelspinnen und besonders aggressive Fischarten konnten sich bis zum GAU der genetischen Gleichschaltung entziehen und erlangten bald auf unbekanntem Wege weltweite Verbreitung. Vorher hatte die Kontrolle der globalen Biomasse fast perfekt funktioniert: Während fast alle Erdbewohner über das GGG generiert wurden, beeinflußten Impulse künstlicher Intelligenz sogar die weltweite Klimaentwicklung.

Als globale Schaltstelle fungierte ein gigantischer unterirdischer Computer in den Rocky-Mountains, wo die Stränge des WORLD-WIDE-WET-WEB zusammenliefen – bis eines Tages der Killerwurm wütete: Einmal in den Megacomputer gelangt, verschickte sich der Wurm binnen weniger Sekunden als Funkmail weltweit selbst und leerte Milliarden Gehirne – Sicherheitskopien gab es keine. Auch das GGG geriet außer Kontrolle: Die Evolution wurde zurückgespult und genetische Informationen aus dem Erdmittelalter reaktiviert. Das Desaster war allumfassend: Sämtliche globalen Kontrollfunktionen waren zusammengebrochen und das geballte Menschheitswissen wurde mit einem Schlag gelöscht.

* * * * *

Der Tag neigt sich dem Ende, doch Castor trommelt weiter, während sich die Ruderer mechanisch in die Riemen legen. Wo sich einstmals der Kemnader See befand, rauscht nun ein breiter Fluß durch eine schlammige Mondlandschaft, die Staumauer von einer ungeheuren Flut hinweggefegt. Und plötzlich: Stromschnellen – ein umgestürzter Schachtelhalm versperrt den Weg, der Einbaum bohrt sich in die bambusartige Oberfläche und kentert. Wütendes Geschrei, Arme und Beine wirbeln wild durcheinander, alle gehen über Bord. Castor kämpft mit der Strömung, rettet sich mit knapper Not auf den Halm. Unter ihm wimmelt es von Fischen – von den Ruderern keine Spur. Nur seine Trommel treibt im Strom. RUHRPIRANHAS, schießt es ihm durch den Kopf. Für Sekunden durchzieht ein rötlicher Schimmer das Wasser. Castor blickt dem schwindenden Rot nach, das sich mit den Spiegelungen der untergehenden Sonne vermischt. RUHRPIRANHAS – dieses Wort scheint nun alles zu sein, was er noch besitzt.

Viele Stunden kauert Castor nun schon auf dem überdimensionalen Schachtelhalm knapp über der Wasserlinie. Die Nacht ist schwärzer als noch vor wenigen Jahren, als die gleißend illuminierte Zivilisation allabendlich ihren Lichtsmog ins All abzusondern begann. Generationen von Sternguckern waren an diesem Phänomen schier verzweifelt – sogar der eine oder andere Flugzeugabsturz war einst von den alles überstrahlenden Lichtdomen verursacht worden, die vor dem GAU von Veranstaltern gigantischer Freizeitorgien in den Himmel geschickt wurden. Irrlichter einer Megamaschine, deren maximale Betriebstemperatur mit Vorliebe Massenhysterie zu generieren schien, bleibende Kollateralschäden selbstverständlich inbegriffen. Jetzt wäre Castor für einen winzigen Augenblick dankbar gewesen, wenn irgendein beweglicher Lichtfinger noch auf eine jener gigantischen, nun jedoch völlig verwaisten Party-Paläste hingewiesen hätte, die einst riesige Teile der Ruhrstadt prägten. Schon ein kurzer Lichtblitz hätte ausgereicht, um das beruhigende Signal zu senden: Du bist nicht allein – hier draußen gibt es noch anderes menschliches Leben. Dann, mitten im tiefsten Schwarz, kommt die Welle…

Fortsetzung folgt demnächst im Printformat.

ZURÜCK.PARTEI

März 23rd, 2011

Die Luft flimmert an diesem rekordheißen Spätfrühlingstag über der Volme, deren Wasserstand sich nach der Dürre der letzten Wochen auf eine knappe Handbreit reduziert hat. Auch politisch herrscht schon lange Ebbe in der Trümmerstadt, denn bereits seit einigen Jahren ist Hagen die meistverschuldete Kommune in NRW. Das grandiose Scheitern der Partei des dilettantischen Dogmatismus (PDD) bei den Kommunalwahlen 2009 und den Landtagswahlen 2010, wo der durchschnittliche IQ der Kandidatinnen und Kandidaten jeweils deutlich unter der 100er-Marke lag, war angesichts dieser Steilvorlage eindeutig selbstverursacht – selbst der hinterletzte politische Blindgänger hätte mehr aus der Rekordverschuldung der Bourgeoisie machen müssen. Doch von kritischer Selbstreflexion der PDD keine Spur – stattdessen die unbeirrte Flucht nach vorn: „Jetzt erst recht“, skandieren die für das politische Desaster maßgeblich Verantwortlichen vor Beginn des Parteitags am Eingang des Kegelcasinos, dem traditionellen Tagungsort der politischen Avantgarde der Stadt. Und mehr noch: Heute werden sie sich endlich die Maske vom Gesicht reißen und bei der Wiedererrichtung einer vermeintlichen Wahlalternative in der Pleitestadt ihr wahres politisches Antlitz zeigen: „Zurück zu den Wurzeln“, heißt das Motto des nordrhein-westfälischen Gründungsparteitags des bundesweit ersten Landesverbandes der ZURÜCK.PARTEI am 30. Mai 2011 – natürlich (wie kann es anders sein) in der maroden Volmemetropole. Und auch die Protagonisten der Vorstellung waren bereits in der Hagener sowie in der NRW-PDD keine unbekannten Größen: So machen sich Opa Drechsler, Hugo Heuchler und Kamerad Blockwart daran, die Banderole über dem Eingang zum Kegelcasino-Festsaal mit Kreppband zu befestigen. Selbst die historisch nicht ganz unbelastete Banner-Parole, die als Motto des Gründungsparteitags dient, das auch im neuen Parteipamphlet RÜCKWÄRTS propagiert wird, setzt die Tradition inhaltsleerer Hohlphrasen der mehrfach umbenannten Vorgängerpartei unbeirrt fort. Rieb man sich schon früher angesichts von Wahlkampfsprüchen wie ‚Adel für alle’ oder ‚Schulspeisung macht satt’ oft verwundert die Augen, so drohen einem die Murmeln nunmehr glatt aus dem Kopf zu fallen:

MALOCHE MACHT HIGH

prangt in rotbraunen Lettern auf dem monumentalen Leinentuch über der Saaltür.

Drinnen herrscht bereits Hochbetrieb: Fleißige Helferlein aus den beiden großen Familienclans, die schon zu PDD-Zeiten sämtliche Parteipfründe unter sich aufgeteilt hatten, machen dem Gründungsmotto alle Ehre: Fanatisch scheuern die Drechslers den Boden, während die Heuchlers manisch die Fenster wienern. Vorbei sind die Tage, als es für bloße Anwesenheit und ein Kreuzchen für Opa Drechsler oder Hugo Heuchler noch ein Gratis-Essen samt Freibier gab. „Opa zahlt für alle“ oder „Hugo hält euch frei“, hieß es damals noch bei jeder Vorstandswahl oder der Reihung der Reserveliste zur Kommunalwahl. Nach den letzten Wahldebakeln sind die Kassen jedoch leer, und jetzt ist anpacken angesagt! Und auch die Umgangsformen gerieren sich ruppiger als früher: Mussten damals lediglich missliebige parteiinterne Kritikerinnen und Kritiker durch Siegfried Blockwarts resolute Rhetorik in Schach gehalten werden, sind es nun die eigenen Stimmvieh-Clans, die durch archaische Herrschaftstechniken auf Trab gebracht werden. „Schluss mit putzen – alle auf die Bänke!“, brüllt Blockwart plötzlich mit ausladend-gebieterischer Geste durch den Saal. Untertänig gehorcht das Vieh und schleicht sich zu den länglichen Sitzgelegenheiten, die – der neuen Ehrlichkeit der Partei Tribut zollend – auch als solche gekennzeichnet sind: Auf sämtlichen Tischen sind bierseidelgroße Porzellanschweine mit riesigem Fleischermesser im Wanst platziert. Schlachtbank, lautet der Schriftzug auf dem Sockel der Schweineskulpturen.

Dann beginnt Blockwart die Viehnamen runterzubieten und fuchtelt dabei wie einst vielleicht sein Großvater an der Verladerampe mit den Armen herum. „Dörthe Drechsler: rechts“, schreit er in die Stimmvieh-Masse hinein und gebietet der eilig herbeiwieselnden ausgemergelten 16jährigen, am rechten der beiden braunen Plastikeimer, die als Wahlurnen herhalten, ihr Bleistiftkreuz für Opa zu machen. Als Dörthe gerade mit ängstlicher Miene und zittriger Hand ihr Kreuzchen macht, gibt es plötzlich einen lauten Bums, gefolgt von jämmerlichem Geschrei: Ihre Alkoholiker-Mutter hat Dörthes kleines Brüderchen mit dem Kopf auf den Parkettboden knallen lassen. Während der Kleine schreit wie am Höllenspieß, zuckt Blockwart nicht mal mit der Wimper – mechanisch auf und ab marschierend setzt er den Wahlgang fort. Auch dass sich Dörthe derweil über den Eimer beugt und den spärlichen Inhalt ihres Magens in die Urne entlässt, entgeht seinen Argusaugen.

Entsprechend quälend gestaltet sich die Stimmauszählung – immer wieder rennen die Mitglieder der Wahlkommission zum Fenster, um ihrer durch die vollgekotzten Stimmzettel inspirierten Übelkeit freien Lauf zu lassen. Schließlich kann dennoch ein Ergebnis festgestellt werden: 18 zu 18 – Patt! Und das, obwohl der Drechsler-Clan eigentlich eine Stimme mehr haben müsste. Mutter Drechsler, die selbst Ambitionen hat, auf einem Frauenplatz in den Vorstand einzuziehen, hat sogleich ihre Tochter im Verdacht. Wer die Urne vollkotzt, ist bestimmt auch zu blöd, Opa auf dem Zettel anzukreuzen… „Warte, Du Luder“, keift sie und schüttelt Dörthe kräftig durch. Doch bevor die ersten Ohrfeigen rote Abdrücke in Dörthes Gesicht hinterlassen, lässt abermals ein lauter WUMS das Parkett erzittern: Opa Drechsler ist umgekippt – Infarkt!

„Dann müssen wir eben neu wählen“, verkündet Blockwart ungerührt. „Aber die Parteistatuten schreiben vor, dass wir zu Ehren des Verstorbenen erst gemeinsam das Horst-Wiesel-Lied singen.“ Alle erheben sich, während die ersten Takte des vor 66 Jahren äußerst populären Trümmerstadtgassenhauers ertönen. Doch während alle mit geschwellter Brust in Erwartung des Liedes erstarren, schallt der Kälbermarsch durch den Saal. Dörthe muss die 80er-Jahre-Coverversion der Punkband X-mal Deutschland heimlich in den CD-Spieler geschmuggelt haben, denn nur sie ist nicht im Raum, während der Marsch erklingt. Dann plötzlich schrillen Brandsirenen durch die langen Casino-Korridore.

* * *

Glutrot senkt sich die untergehende Sonne in die inzwischen auf Daumenbreite geschrumpften Volme-Fluten. Spätestens morgen Nachmittag wird das Rinnsal komplett ausgetrocknet sein. Mit ihren Kumpels sitzt Dörthe am Ufer, zieht am kreisenden Joint und schreibt mit einem roten Edding ACAB auf die Befestigungsanlagen aus Beton. All cops are bastards, hallt es aus vollen Kehlen durch das Flußtal, als vom Bahnhofsviertel her kurz Polizeisirenen zu hören sind. Dörthe jedenfalls ist den Cops entwischt, nachdem sie mit knapper Not ihre Rauchbombe im Fahrstuhlschacht hat absetzen können: Ganz unauffällig hatten die Bullen vor dem Gebäude gelauert und auf der vielbefahrenen mehrspurigen Straße vor dem Kegelcasino scheinbar eine allgemeine Verkehrskontrolle durchgeführt, während sich drinnen die ZURÜCK.PARTEI formierte. „Für die Freiheit, für das Leben“, ruft Dörthe und pustet eine Cannabis-Wolke in die tiefrote Sonne. Immer noch dringt Qualm aus einer Luke des Fahrstuhlschachts des Casinos oberhalb des Flusstals. Über die Volmebrücke rumpelt ein Leichenwagen. „Opa“, flüstert Dörthe verschwörerisch und zwinkert ihren Freunden mit den bunten Mähnen zu. Zufrieden lehnt sie sich zurück. Irgendwo heulen wieder die Sirenen. Es war ein schöner Tag.

Veröffentlicht am 7.9.2010 auf www.scharf-links.de

DIE LINKE: Der nächste ist weg

Februar 15th, 2011

Der Hagener Dr. Ulrich Schröder, Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Bildung der Partei DIE LINKE, gibt entnervt auf und tritt aus der Partei aus.

Das Fass zum Überlaufen brachten Beschlüsse der Partei bezüglich der Übernahme des STEAG-Konzerns durch verschiedene Ruhrgebiets-Kommunen. Aber die waren nur der Anlass. Der Grund lag tiefer: In der speziell der NRW-Linken innewohnenden Abwesenheit innerparteilicher Demokratie und deren Ersatz durch unpolitisches Pöstchenjägertum.

In Schröders Austrittserklärung heißt es: „Es kann nicht sein, dass der Ankauf von einem Unternehmensanteil von 51 Prozent an einem maroden Energieunternehmen mit einem völlig veralteten Kraftwerkspark samt Atomstromsparte sowie höchst fragwürdigen Auslandsgeschäften unter Arbeitsbedingungen, die mit hiesigen Standards gänzlich unvereinbar wären, von einer Handvoll Ratsmandatsträger_innen an der Mitgliedschaft vorbei durchgestimmt wird. Es ist mit jeglichem emanzipatorischem Anspruch einer sich als linker politischer Alternative verstehenden Partei völlig unvereinbar, wenn eine solche Entscheidung auf der Ebene der Mandatsträger_innen getroffen wird und nicht das Gespräch mit der Basis gesucht wird, sondern vielmehr mit einigen Abgeordneten der Landtagsfraktion, um dann direkt an die Öffentlichkeit heranzutreten statt an eine Kreismitgliederversammlung. Dies ist insbesondere ein Schlag ins Gesicht jener Genoss_innen, deren Politikverständnis basisdemokratisch geprägt ist. So führten beispielsweise Bündnis 90 / Die Grünen 1998 über das ökologisch unverantwortbare Braunkohletagebau-Projekt “Garzweiler II” eine breite Debatte in jedem einzelnen NRW-Kreisverband – wenn auch mit dem knappen bedauerlichen Resultat einer Entscheidung für einen Ausbau des Braunkohletagebaus und damit für eine Weiterführung der damaligen rot-grünen Koalition.“

Und weiter: “In einer Partei, in der sich die politische Ignoranz der eigenen Ideale in derart rasanter Weise durchsetzt, wie die Evonik-Steag-Übernahme zeigt, ist für Menschen, die den Glauben an die eigenen ideologischen Grundwerte noch nicht verloren haben, kein Platz mehr. Daher kehre ich der Kaderpartei “Die Linke”, die sich von Grundsätzen innerparteilicher Demokratie sowie ihren eigenen ideologischen Grundlagen innerhalb kürzester Zeit in erschreckendem Umfang verabschiedet hat, hiermit unwiderruflich den Rücken.“

Der promovierte Skandinavist Schröder trat 2005 in den Kreisverband Hagen der damaligen WASG ein und gelangte auf diesem Wege 2007 in DIE LINKE. Nach einer Farce von Mitgliederversammlung im Juni 2010 wechselte er zum Kreisverband Bochum.

Mit seinem Austritt setzt sich der Zerfall der NRW-Linken weiter fort. Nachdem erst zum Jahresende die Gelsenkirchener Ratsfraktion komplett ihren Austritt erklärt hatte und sich vorher schon die Fraktion im Rat der Stadt Herne zerlegt hatte, jetzt der nächste Abgang. Von den Zuständen in anderen Kreisverbänden wie Kleve, Warendorf etc. ganz zu schweigen. Dazu kommt das mehr als peinliche Agieren der Landtagsfraktion bei der Abstimmung über den Nachtragshaushalt. Dort wusste anscheinend die rechte Hand nicht, was die linke macht.

Verantwortlich für diese Zustände sind nach Ansicht vieler Beobachter die Strukturen auf Landesebene, deren Akteure mehr an Posten als an Politik interessiert sein sollen. Genannt werden in diesem Zusammenhang immer wieder die Namen Blocks (Landesgeschäftsführer), Beuermann (Fraktionsvorsitzende im Landtag) sowie ihr Ko Zimmermann, der Leiter der Landesgeschäftsstelle Kretschmer und die mit diesen verbandelte Landesschiedskommission.

Die Mehrheit dieser Personen ist auch verantwortlich für den Zustand des Hagener Kreisverbandes, der seit fast zwei Jahren politisch nicht mehr in Erscheinung tritt, sondern nur noch als peinliche Farce. Allein im ersten Halbjahr 2010 traten mehr als 40 Mitglieder aus.

Von ws (in: DOPPELWACHOLDER)

Geisterbus

Februar 14th, 2011

Es war ein netter Partyabend – trotz der üblichen Nervereien mit der Security, die seit einigen Semestern übereifrig die Einhaltung des lästigen Rauchverbots im KulturCafé überwacht und an sämtlichen Ein- und Ausgängen penibel darauf achtet, dass keine Glasflaschen über die Türschwelle geschmuggelt werden. Für einen gelungenen Donnerstagabend sind die Fachschaftsfeten, die seit dem Partyverbot für die übrigen Unigebäude häufiger denn je im KuCaf stattfinden, meist eine sichere Nummer. Und zum Nachhausekommen gibt‘s zum Glück auch noch jenen Sonderbus, der an Partydonnerstagen in Kooperation zwischen AStA und Bogestra die U-Bahn-Lücke schließen soll, wenn die Stimmung kurz vor der letzten U35 mal wieder zu gut war, um sich rechtzeitig aufzumachen, dann aber doch zu mäßig, um bis zur ersten Bahn durchzufeiern.

Etwa 50 Leute scheinen die After-Hour auf den Bussteig unter dem Nordforum verlegt zu haben, wo um zehn vor drei der Partybus Richtung Haupthahnhof ablegen soll. Einer von ihnen ist Carlos, der lässig an einem der unterirdischen Betonpfeiler lehnt und an seinem Wegbier-Pappbecher nippt. Um 2 Uhr 49 beginnen die ersten Partymüden ungeduldig auf- und abzurennen oder zumindest manisch mit den Füßen zu wippen. Als die ersten schon anfangen, abwechselnd auf die Bogestra und den AStA zu schimpfen, zückt Carlos sein Designerhandy und tippt die Nummer der Service-Hotline ein, die auf dem Fahrplanaushang zu finden ist. „Tut uns leid – der Bus ist nicht im System verzeichnet“, lautet die lapidare Antwort der etwas mechanisch klingenden freundlichen Hotline-Frauenstimme. „Ihre nächste Fahrmöglichkeit Richtung Bochum Hauptbahnhof ist die U35 um 4 Uhr 44.“

Kaum hat Carlos die schicksalsschwere Botschaft verbreitet, springen auch schon die ersten Studis auf die Uni-Straße, um ein Taxi zu stoppen. Andere glauben, umgehend die Party-Fachschaft für das vermeintliche Desaster zur Verantwortung ziehen zu müssen und sprinten die Wendeltreppe zum KuCaf empor, um die Organisator_innen vom Fachschaftsrat zusammenzustauchen, die wohl vergessen haben, vorher bei der Bogestra anzurufen, um den Bus zu „bestellen“. Auch wenn am Fahrplan steht, dass die „nur in den Nächten von Donnerstag auf Freitag“ stattfindende Fahrt „während des Semesters und bis auf Widerruf durchgeführt“ werde – nicht mehr und nicht weniger; von einem notwendigen vorherigen „Anruf“ jedenfalls ist dort keine Rede. Während sich die schimpfenden Studis langsam in alle Winde zerstreuen, setzt sich Carlos ermattet auf eine freigewordene Bank, wo ihm wenig später das müde Kinn auf die Brust fällt, bevor er endgültig in traumlosen Schlaf versinkt.

Gegen halb vier ist der Platz beinahe verwaist. Doch wie aus dem Nichts rüttelt plötzlich eine fleischige Busfahrerpranke an Carlos‘ schmächtiger Schulter. Benommen blickt er auf eine rostige Blechwand auf Rädern, die nun wuchtig vor ihm aufragt. Wie durch einen unsichtbaren Watteschleier vernimmt er die Worte des Fahrers: „Tut mir leid – ich habe verschlafen. Wollen Sie mitfahren?“ Wortlos nickt Carlos und steigt ein. Erst als sich die Türen schon geschlossen haben, sieht Carlos in den spiegelnden Fenstern der umliegenden Gebäude, dass der Fahrer weder eine Liniennummer noch einen Zielort angeschlagen hat. Während sich der Bus langsam Richtung Ausfahrt in Bewegung setzt, dreht sich der Fahrer breit grinsend zu Carlos um. Die Vampirzähne in seinen Mundwinkeln können Carlos an diesem Morgen nur noch ein müdes Lächeln abringen.

Veröffentlicht in: Bochumer Stadt- & Studierendenzeitung Nr. 861, Sommersemester 2011

Golf statt Geist

Oktober 12th, 2010

Wir schreiben den 2. April 2011. Wie aus gut informierten Kreisen der Universitätsverwaltung verlautbart, soll nach dem Neubau des Ingenieursgebäudes ID die Ressourcenumverteilung von den Geistes- zu den Ingenieur- und Naturwissenschaften nun weiter vorangetrieben werden: Nachdem die Pläne zum Neubau eines zusätzlichen Gebäudes für die Geisteswissenschaften aus Effizienzgründen aufgegeben wurden, soll nun die I-Gebäudereihe weiter ausgebaut werden und ein möglichst rascher Abriss der G-Gebäude folgen, um die Sanierung der Ruhr-Universität Bochum voranzubringen.

Diese angesichts des maroden Zustands der Baulichkeiten als längst überfällig bezeichnete Maßnahme solle zugleich als Chance begriffen werden, eine neue Grünfläche auf dem Campus zu schaffen und mit der Etablierung einer neuen Sportart an der RUB die Identifikation der Uni-Angehörigen mit der Lernfabrik zu erhöhen: Dort wo heute noch immer altgriechische Geschichte und lateinische Vokabeln gepaukt werden, soll schon bald ein voll in die Bildungslandschaft inte­grierter 18-Loch-Golfplatz entstehen.

Im neuen Landschaftspark RUB sollen aber nicht nur die sportlichen Bedürfnisse der neuen Bochumer Wissenschaftselite des künftigen Centers of Exorbitance befriedigt werden – auch den Anliegen des akademischen Prekariats wird umfassend Rechnung getragen. So soll der Abriss der G-Gebäude von den freigesetzten Geisteswissenschaftlern sowie deren ehemaligen Mitarbeitenden selbst durchgeführt werden. Für sämtliche Ex-Uni-Angestellten wird während der etwa neunmonatigen Abrissmaßnahmen eine Neuanstellung in einer eigens gegründeten Auffanggesellschaft garantiert. Seitens der künftigen Golfplatzbetreibergesellschaft werde allen zudem eine dauerhafte Weiterbeschäftigung in Aussicht gestellt: Da die Golf-Anlage sämtlichen Angehörigen des Exorbitanz-Zentrums aufgrund der durchgreifenden Flexibilisierung ihrer Arbeitszeiten auch an Wochenenden und Feiertagen 24 Stunden lang offenstehen soll, bestehe ein großer Bedarf an Service-Kräften.

Zumindest auf 1-Euro-Basis werde allen Geisteswissenschaftlern eine Daueranstellung bis zum 67. Lebensjahr angeboten. Und dann ab in die Rente – wenn’s dann noch sowas gibt. Aber keine Panik: Sollten die Pensionskassen keine Grundsicherung mehr abwerfen, wird selbst abgehalfterten Professoren mit chronischem Rückenleiden künftig die Möglichkeit gegeben, ihre Fachkompetenzen auch nach dem Eintritt ins fortgeschrittene Rentenalter gebührend einzubringen: Als exorbitante Vorleser zwischen Loch 1 bis 18 ist ihnen ein glänzender Trinkgeld-Zuverdienst sicher – schließlich will auch die universitäre Generation Golf der Zukunft wissen, wie’s vor dem Ende der G-schichte war.

Veröffentlicht in: Bochumer Stadt- & Studierendenzeitung Nr. 845 vom 13. Oktober 2010

Kaffeeinfarkt

August 25th, 2010

Ein lyrisches Prosadrama

Schlaf Schlaf Schlaf Schlaf Schlaf Wecker Wecker Wecker aus. Halbschlaf Halbschlaf Wecker Wecker aus aus aus. Herzklopfhalbschlaf Herzklopf Wecker gegen die Wand. Halbschlaf- herzklopfausdembettgequäle, kriechend zum rettenden Küchenufer, Kaffeemaschinenoase umarmend Filter suchend raschelnd im Papiermeer; Küchentücherrollen gegen die Wand werfend endgültig erwachend – Morgenschrei! Nacht besiegt – Welt, ich komme! In Kaffeepulver badend (da Dose umgeschmissen) kräftige Schwimmzüge im Pulverozean. Alltag besiegt! Und doch weiter, immer weiter müssend: Kaffeemaschine – die Zähne ins ausgekoppelte Elektrokabel geschlagen – ins Bad geschleppt. Zeit Zeit Zeit sparend kaffeebrodelnd duschend in der Naßzelle mit Plastikvorhang. Elektroschocktherapiert, da geduschte Kaffeemaschinen durchknallen wie Föne in der Badewanne. Ich will es nie nie wieder tun! Mit letzter Kraft die Wohnung durchschwommen zum flutgetränkten Telefon. 112. “Alarm: Kaffeeinfarkt…” “Ruhe bewahren – wir holen Sie sofort!” Bange Minuten tick tick tick. Herz-GAU-Abgrund tut sich auf. Gekrümmter Körper am Boden: Werde ich je noch einmal die Sonne sehen? Schmerzverzerrt Fäuste ins Parkett rammend bumm bumm bumm. Nachbarn antworten mit Besenstielstakkato gegen Zimmerdecken tack tack tack, Angstschreiheulen ignorierend. Hört denn niemand meine Agonie? Rollend rollend rollend zur Haustür, Kopf auf die Schwelle rammend, immer wieder, schmerzübertönend. Quälwartend kopframmend kopframmend kopframmend und es werde Licht im Treppenhaus, Schritte knallen die Stufen hinauf – heftiges Türklopfen; die Fingernägel ins Holzfurnier schlagend, mit letzter Kraft aufbäumend die Klinke erreichend, die aufschnappende Tür abwehrend, die dennoch in den Magensack rammt. “Was haben wir denn da? Unfall? Anfall? Überfall?” “E-lek-tro-schock” – Silben herausgewürgt. “Kaffee – Heeerz!” Sanitäterlachen, zynisch. Auf die Pritsche gepackt, festgeschnallt, abtransportiert. Wagentür schlägt zu, Martinshorn schwillt an. Blaulichtüberströmtes Tränenmeer. Notaufnahme, Intensivstation, Bewußtseinsverlust – endlich.

Aufwachend Oberarztgesicht anstarrend. “Glück gehabt – Kaffeeinfarkt – nie nie wieder: Künftig nur noch koffeinfrei!” Kopfschütteln unmöglich, da Genickstarre. “Was?” – mehr geht nicht: Stimmbandinfarkt. “E-lek-tro…” “Ja, ja – ist schon gut – haben eine schwere Nacht hinter sich. Bis morgen dann!”

Krankenschwester Tür aufschmeißend, Lichtblitz ins Nachtschwarz reißend “Guten Morgen! 5 Uhr 30! Aufgestanden!” Stich ins Herz – kein Glied rühren könnend die Schwester augenaufgerissen anstarrend: “In-farkt.” “Entschuldigung?” Wohl Verwechslung mit Hypochonder von nebenan. “Kaffee oder Tee?” “…ee” “Kaffee also – bitteschön!” Unfähig etwas anzurühren ins Neonlicht blinzelnd. Zwei Stunden später der Oberarzt: “Herzmuskel erholt? Aufbautraining! Auf, auf!” Pfleger links, Pfleger rechts: “Zugleich!” Körper aus dem Bett wuchtend, unterhakend, unter oberärztlicher Aufsicht über den Boden schleifend: “Uuund linkes Bein, uuund rechtes Bein. Uuund linkes Bein, uuund rechtes Bein…” Willenlosigkeit. Oberarzt: “So wird das nichts – tragen!” Murrende Pfleger, grobe Griffe. Abstellraum aufgesperrt, sobald Oberarzt verschwunden. “Und tschüß!” Aufprall in körnigem Zeug. Gebeizte Kaffeearomageruchsmischung – Kaffeebohnen im Jutesack! 70er-Jahre-Nostalgie, Kindheit! Schwimmübungen im Bohnenmeer, ikeabällchenkistenparadiesgleich – Geborgenheit. Plötzlich Stimmengewirr, aufgeregt – Türknallpanik, Geschrei: “Wo ist der Gallenpatient?” Stummstellen hilft nichts – Türentriegelung, Lichtblitz, Schwesterngewusel. “Was machen Sie denn da?” “Pfle-ger…” “Ja, ja, der Oberarzt kommt gleich.” Wieder ins Bett gezerrt. Kein Arzt, kein Pfleger.

Visite erst am Abend. “So, was macht denn die Galle?” “In-farkt!” “Oioioi – ein Galleninfarkt, hört hört – so was ist selten, ha-ha, sehr originell. Heute kleines Malheur passiert – neues Pflegepersonal – kommt schon mal vor. Sie sollten sich ‘nen guten Kaffee gönnen!” Assistenzarzt ab.

* * * * *

Draußen Sturm. Orkan. Kyrill, Grüße aus Moskau – trotz Westwind. Blumentöpfe krachen in Fensterläden, Äste schwirren durch die Luft, dann ganze Bäume – der Hospizpark hebt ab! Energiereserven aktiviert – Endorphine lassen das Herz rasen – Medikamente überflüssig – Natur schlägt zurück – Fichtenstämme rammen Klinikmauern – Buchenäste zerhämmern Krankenhausdächer. Begraben unter umgestürzten Containern der Sportwagen des Oberarztes, versunken im Starkregen der Keller, in ihren Zinksärgen durch die Gänge treibend die frisch Verstorbenen. Neues Klima – da passiert so was eben schon mal…

Lächelnd gehe ich zum Kaffeeautomaten und ziehe Transfair im Plastikbecher. Auf dem Gang begegnet mir der Oberarzt: “Schönes Wetter heute”, rufe ich und proste ihm vergnügt mit dem Plastikgefäß zu. “Übrigens: Sie stehen im Parkverbot…” Verständnislos schüttelt der Oberarzt den Kopf und geht weiter. Ich schleiche zurück in mein Zimmer, öffne die Tür zum Abstellraum und zerre den Kaffeebohnensack hervor. Mit einem kräftigen Fußtritt stoße ich den Sack um und begebe mich wieder zum Fenster. Draußen sehe ich den Oberarzt im Starkregen herumtappen und erfolglos an dem Container zerren, unter dem sein Wagen begraben liegt. Als er zufällig zu mir hochschaut, winke ich ihm breit grinsend zu. Wenig später stürmen die beiden Pfleger von vorhin ins Zimmer, die offenbar den dringenden Auftrag bekommen haben, mir nachzustellen. “Kaffee gefällig?” frage ich lächelnd, als sie auf den Bohnen ausrollen und klatschend aufs Laminat knallen. Zufrieden packe ich meine Sachen und klettre über die sich stöhnend am Boden wälzenden Pfleger hinweg Richtung Tür. Lachend drücke ich den Schwestern auf dem Flur ein üppiges Trinkgeld in die Hand: “Für die Kaffeekasse!” Dann schlendre ich an der Pforte vorbei ins Freie.

Der Wind hat sich inzwischen fast gelegt. Auf dem Weg zur Parkplatzausfahrt sehe ich noch einmal den Oberarzt, der sich bei dem Versuch, seinen Wagen zu befreien, zwischen Container und Motorhaube verkeilt hat. “Kommen Sie voran?” frage ich ihn höflich. Als er etwas von “Ümpfaaakt” stammelt, ziehe ich sein aus der Brusttasche heraushängendes Mobiltelefon hervor, drücke 112 und melde den havarierten Arzt abholbereit. Ich schiebe das Gerät zurück in seine Tasche, klopfe ihm behutsam auf die Schulter und murmle ein joviales “Wird schon wieder!” Danach gehe ich ins nächstgelegene Café, schwinge mich Latte macchiato bestellend auf einen Barhocker und ziehe mein Notizheft aus der Tasche: “Schlaf Schlaf Schlaf Schlaf Schlaf Wecker Wecker Wecker aus. Halbschlaf Halbschlaf Wecker Wecker aus aus aus. Herzklopfhalbschlaf Herzklopf Wecker gegen die Wand”, kritzle ich ins Heft. Weiter komme ich nicht. Denn in diesem Moment bricht der Boden des Macchiato-Glases heraus, und ein Viertelliter heiße, weißbraune Brühe überspült den Tisch, die Notizen, mein Hemd, meine Hose… Entsetzt aufspringend, kerzengrade auf dem Hocker stehend – die Bedienung schon mit einem Wischmob herbeieilend – ich: “Taxi, Taaaxi!” schreiend wie am Spieß. Gefühlte 20 Minuten starren mich die Café-Insassen an, wie ich wie angewurzelt auf dem Barhocker verharre. Dann plötzlich “Taxi, bitteschön” durch den Raum hallend. Muskulöse Pfleger zerren meinen Körper aus dem Café und zurren ihn auf einer Pritsche fest. Martinshornheulen – Nadeleinstich – Nacht.

Erstveröffentlichung in: Buchstaben im Kaffeesatz, hg. v. Internetlabel Digitalkunstrasen 2008, S. 39 – 42. [Unter demselben Titel auch als Hörbuch erschienen (track 9).]

Die Autoschieber von Coimbra

August 24th, 2010

Niemand weiß genau, wann die ganze Geschichte überhaupt anfing. Es begann mit einem abgedrehten Einzeltäter – dann griff der Virus wie ein Flächenbrand um sich: João Bernardo da Silva war es, der als erster seine Taxi-Limousine zu schieben begann, und mit einem Mal waren es vielleicht gut zwei Dutzend Taxen, die verschoben wurden, und später immer mehr – nahezu alle im Land. Es zeichnete sich sogar eine Internationalisierung des Schiebertums ab, eine rasche Überwindung von Kultur- und Landesgrenzen, mit der anfangs nicht im entferntesten zu rechnen gewesen war. Wie es dazu kam? Nun, ich werde versuchen, mich daran zu erinnern – bei einer Flasche Port, nach Alemanha verschoben – einzig zu dem Zweck, mein Gedächtnis zu stimulieren…

In der irgendwo zwischen Lisbõa und Porto gelegenen, alten Universitätsstadt Coimbra geboren zu sein, kann als wahre Gnade erscheinen – sofern man zu den Oberen Zweihundert gehört… Ansonsten sind die Chancen groß, daß einem schon als Säugling eine gute Portion seelenbenebelnder Fatalismus in die Wiege gehaucht wird; kein schöner Anblick für die Taufpaten und eine in der Regel nicht eben leichte Hypothek für das Restleben. Durchschnittlich mit drei Jahren etwa, wenn man bemerkt, daß die gegenüberliegende Häuserwand nicht mehr als zwanzig Zentimeter vom über Generationen vererbten elterlichen Heim entfernt ist und die Feuchtigkeit der Wände auch im Sommer chronisch, erwägt man wohl erstmals, sich aus der erdrückenden Umklammerung mehr oder weniger gewaltsam zu befreien. Spätestens nach dem fünften gescheiterten Versuch aber, wechselweise das Elternhaus und das Schulgebäude in Brand zu setzen, resigniert man in der Regel und wendet sich bürgerlicheren Revolutionsstrategien zu: Nach einer Übergangsphase, während derer man als Student überlebensgroße Che-Guevara-Portraits an abgeblätterten Häuserwänden oder in angeschimmelten Treppenaufgängen anbringt, wird tatsächlich ein Beruf ergriffen. Dieser Entschluß ist zumeist auf eine Mischung masochistischen Selbsterhaltungstriebs sowie letzter subversiver Regungen zurückzuführen; das Ganze sichert – wenn’s gut läuft – so gerade eben den Lebensunterhalt und verhindert garantiert einen unerwünschten sozialen Aufstieg in die herrschende Klasse: Man bricht früher oder später sein Studium ab und wird – Taxifahrer. So zumindest ging es João Bernardo da Silva.

Das Schiebedach seiner in die Jahre gekommenen ehemaligen Luxuskarosse war schon fast eingerostet, so oft hatte es in den vergangenen Wochen geregnet. Diesmal war sie nicht nur früher gekommen als sonst, die herbstliche Regenzeit im Schlaraffenland an der Atlantikküste, sondern hatte bereits länger als einen Monat angehalten. Doch auch die ständig wiederkehrenden sintflutartigen Wolkenbrüche vermochten den allgegenwärtigen Abgasnebel nicht gänzlich aus der Luft zu tilgen, der sich zwischen dem 700jährigen Universitätshügel und dem Kastell auf der anderen Seite des breiten Flusses zusammenbraute. Nun stauten sich dort außerdem schon gut dreißig kundenbedürftige Ex-Luxusautos in der Blechschlange an der Praça Grande. Motor an, zwei Meter vor, Motor aus (oder auch nicht) – das war die übliche Prozedur, wenn jemand an der Spitze der Schlange mal ‘ne Fahrt bekam. Hustend und trotz der nicht eben sensationellen Temperaturen schwitzend dieselte auch João wieder seine halbe Tonne notdürftig überpinselten Rost meterweise nach vorn, von Platz 17 auf Platz 16½ der Blechkarawane.

Doch plötzlich überkam es ihn: Röchelnd würgte er den Motor ab und stemmte sich in die Fahrertür, um das Gefährt eigenhändig mit aller Kraft voranzubringen. Erst lachten seine Kollegen ob des selbstquälerisch anmutenden Schiebeaktes – doch als der Smog im Talkessel von Coimbra im Laufe des Tages einen immer dunkleren Giftschleier über die Praça Grande legte, folgten bald die ersten Joãos Beispiel und legten bei der nächsten Gelegenheit ebenfalls die geballte Körperkraft in ihre tonnenschweren Rostklumpen. Bald glich es einem gigantischen Taxifahrerballett, was sich da inmitten des Smogs abspielte – niemand stellte mehr den Motor an, ja alle schienen es jetzt zu genießen, sich synchron in die Türen zu stemmen, wenn endlich mal wieder Kundschaft kam und die Karawane weiterrückte. Doch irgendwann blieben die Kunden aus: Als der Abgasdunst den Tag derart verfinsterte, daß kaum noch jemand freiwillig das Haus verließ, gab es einfach niemanden mehr, der irgendwelche Beförderungsdienste in Anspruch nehmen wollte. Die Straßen waren wie leergefegt, leblos. Doch dann kam unerwartet wieder Bewegung ins Ballett: João, der es nach einem zehnstündigen Arbeitstag zuletzt bis in die erste Reihe geschafft hatte, gab das Zeichen zum Aufbruch. Und plötzlich schleppte sich ein Limousinenlindwurm wie ein riesiges, krankes Krokodil durch Coimbras vernebeltes Straßengewirr.

Die sinnlose Warterei des vergifteten Arbeitstages entlud sich zudem in einem zaghaft angestimmten, dann immer greller anschwellenden Hupkonzert: Köpfe fuhren nun aus weit aufgerissenen Fenstern in rußige Häuserschluchten; alte, zerknitterte Schildkrötenhäupter schoben sich aus dem brüchigen Panzer zerbröckelnder Betonwände, blasse Kindergesichter dazwischen. Das irritierte Kopfschütteln der Schaulustigen ging jedoch allmählich über in langgezogene ‘Ohs’ und ‘Ahs’ und schließlich rhythmisches Flamencoklatschen und Bravo-Rufe, als sich der immer länger werdende Lindwurm seinen Weg durch die stickigen Straßen bahnte. Taxifahrer aller Stände der Stadt schlossen sich spontan an; auch die Feuerwehr rückte aus und schob spontan alle verfügbaren Löschzüge aus den Garagen; Busse, Kehrmaschinen, Müllwagen und sogar motorisierte Betonmischer und Teerkocher waren dabei; bald reichte die Karawane bis zum Horizont und füllte die gesamte Innenstadt.

Am Abend dann folgende Kurzmeldung in den Radionachrichten:

Der Portugiesische Gewerkschaftsbund organisierte heute im Rahmen der aktuellen Lohntarifrunde eine Demonstration von Angehörigen des Öffentlichen Dienstes in Coimbra. Der Federação dos Sindicatos dos Trabalhadores fordert Lohnerhöhungen von 2,75 Prozent. An den Kundgebungen nahmen ca. 1500 Personen teil.

Als zahlreiche Autoradios diese Nachricht absonderten, ging eine Welle irren Gelächters durch die Menge. Sofort zückten die ersten ihre Mobiltelefone, um Kollegen, Freunden und Verwandten in Lisbõa, Porto, Faro und auch in Madrid und Barcelona die Wahrheit mitzuteilen. Dies blieb nicht ohne Wirkung: Schon am Abend kamen in allen größeren Städten der iberischen Halbinsel riesige Schieberkolonnen in Gang – alles, was Räder hatte und irgendwie von Menschenhand bewegt werden konnte, wurde spontan durch die Straßen gerollt. Die Medien reagierten irritiert, mußten die Falschmeldung in den Abendnachrichten korrigieren, die wohl irgendein übereifriger Gewerkschaftsfunktionär in die Welt gesetzt hatte. Noch nicht auf Glasfaserkabel umgestellte Telefondrähte liefen heiß, Regierungsmitglieder gaben peinliche Statements ab, selbst Sozialwissenschaftler mußten bei Erklärungsversuchen des unheimlichen Phänomens der spontanen Massenbewegung schlichtweg kapitulieren.

Als sich am nächsten Tag auch noch das Militär anschloß und nun sogar im fernen Frankreich und dem wallonischen Teil Belgiens immer größere Fahrzeugkolonnen durch die Städte geschoben wurden, geschah das Unvermeidliche: Um ähnliche Unruhen im eigenen Land zu verhindern, verbreiteten sämtliche us-amerikanischen Sender die Nachricht, Satellitensysteme der Vereinigten Staaten hätten unerklärliche grenzüberschreitende Truppenbewegungen in Westeuropa diagnostiziert, die Anlaß zu größter Besorgnis gäben. Die Immunabwehr der Weltmacht sei jedoch bereits aktiviert, sämtliche US-Botschafter aus den betroffenen Ländern abgezogen und mutmaßlich atomar bestückte B52-Bomber auf den Weg gebracht.

* * * * *

João Bernardo da Silva liegt neben seinem schrottreifen Taxi am Wegesrand und träumt. Seine Grastüte ist fast abgebrannt, und das Che-Guevara-Bild an der Häuserwand gegenüber kommt ihm nun noch größer vor als sonst. Über die holprige Straße rumpeln LKW-Kolonnen Richtung Stadtgrenze. Dazwischen schiebt ein alter Mann einen Karren vor sich her. Am dunstigen Abendhimmel über Coimbra dröhnen schwarze Bomberflotten. Es stinkt.

Gestrandet an den Gestaden der Literatur

August 17th, 2010

WAZ-Serie Literarische Gruppen (4): „Treibgut“ schließt Lücke zwischen Nachwuchs und gestandenen Autoren

14. August 2010, WAZ Bochum, S. 6 – von Carsten Marc Pfeffer

Die Studierenden stehen vor dem AStA-Kulturcafé Schlange. An der Kasse gibt es keine Einlasskarte, sondern einen Stempel auf den Handrücken: „Treibgut“ steht darauf. Die studentische Literaturinitiative hat auch acht Jahre nach ihrer Gründung nichts von ihrem Reiz verloren. Nach wie vor steht am Ende der legendären „Gestrandet“-Lesungen den jungen Campustalenten die offene Bühne zur Verfügung. Viele Geschichten gibt es zu erzählen

„Das waren schon tolle Zeiten“, erinnert sich Treibgut-Initiator Uli Schröder. Damals hatte er zusammen mit Oliver Uschmann und einigen anderen Studierenden der RUB die Initiative gegründet.* Ziel sei es von Anfang an gewesen, die Lücke zwischen etablierter junger Literatur und noch weniger bekannten Jungautoren zu schließen. Erster Höhepunkt dieser Bemühungen war 2004 die Lesung mit Frank Goosen.

Mit 300 Gästen war das Kulturcafé restlos ausverkauft. Fortan bemühte sich die Initiative, auch campusferne Orte zu bespielen. Sei es die Riff-Halle oder die Stadtbücherei Bochum, Treibgut gewann an Präsenz.

Die spektakulärste Lesung fand zum Thema Klimawandel im Foyer des Tropenhauses des Botanischen Gartens der RUB im Hochsommer bei brütender Hitze statt. Zu Gast waren an diesem Abend Matthias Schamp und Volker Wendland. „Wir schwitzten und schwitzten und lasen und lasen“, erinnert sich Uli Schröder.

Doch auch publizistisch wurde die Initiative aktiv. 2007 erschien mit „Treibgut – 42 Spuren am Strand“ eine beachtenswerte Anthologie mit Texten von 42 Treibgut-Autoren und Gästen, von denen Björn Kern, Jörg Albrecht und Gästen, von denen Björn Kern, Jörg Albrecht und Martin Becker im selben Jahr für den Bachmann-Preis nominiert waren.

In den letzten acht Jahren hat sich vieles geändert. Oliver Uschmann ist mittlerweile ein Bestsellerautor mit schwindelerregenden Auflagen, und aus Uli Schröder ist ein promovierter Fremdsprachendozent und Journalist geworden. Doch Schröders Liebe zur Literatur ist ungebrochen, wie ein Mausklick in seinen fulminanten Blog Ruhrpiranhas – Metropolensatire beweist. Aber in Fragen der Literaturinitiative müssen jetzt mal die Youngsters ran.

Mit Johannes Till Opfermann und Philipp Dorok, der gleichsam die Literaturzeitung Schriftzeit für den germanistischen Fachschaftsrat herausgibt, strebt das Organisationsteam neuen Höhepunkten entgegen. Die nächste Gestrandet-Lesung wird am Mittwoch, 24. November, ab 20 Uhr im Kulturcafé stattfinden. Erwartet wird das Bochumer Poetry-Slam-Wunder Sebastian 23. Wie immer wird es für die Nachwuchstalente eine offene Bühne geben. Kontaktaufnahme bitte über die Homepage der Initiative.

„Zum zehnjährigen Bestehen 2012 haben wir uns eine ganz besondere Überraschung ausgedacht“, so Uli Schröder. Verraten wird aber noch nichts. Nur so viel: „Die Ruhr wird dabei eine große Rolle spielen.“ – Na, das kann ja spannend werden.

* Ideengeberin war ursprünglich Denise Schynol, die heute beim Kulturbüro boSKop des Akademischen Förderungswerks der Ruhr-Uni Bochum wirkt und die Initiative von dort aus weiterhin unterstützt.

Exorbitanz und Wahnsinn

Juli 18th, 2010

Für Pedro Holz (*1938)

Der Wagen der U53, der an diesem spätherbstlich vernieselten Freitagvormittag die Haltestelle Marxstraße erreicht, platzt aus allen Nähten – ein ziemlich sicheres Indiz dafür, daß das Semester angefangen haben muß. Nur der RoBuStaRohrstadt Bus und Straßenbahn – scheint das noch nicht aufgefallen zu sein, sonst würde sie zu dieser Jahreszeit in der rush hour keinen Kurzzug auf den Schienenweg zur größten Akademie der Metropole schicken. Spontan beschließt Nemo, diesen Weg heute zu Fuß zurückzulegen.

Immerhin haben sie am Klang der hier überirdisch verkehrenden U-Bahn gefeilt: Seitdem ein multinationaler Konzern zur Wartung von Schienensträngen die Gleise mit einem unzählige Tonnen schweren Schleifwagen malträtiert hat, wird das bisher eher unauffällige Fahrgeräusch von einem sonoren Summen und Rattern durchdrungen – was nicht nur für ein satteres Soundvolumen sorgt: Vielmehr stellt sich unweigerlich der offensichtlich beabsichtigte Effekt ein, daß durch den fülligeren Klang der Bahn ein internationales Flair suggeriert wird, das aufmerksame Reisende bislang nur aus Ländern kennen, wo private Schienennetzbetreiber schon seit Jahren am Werke sind, um nicht nur die ökonomische Effizienz des Bahnbetriebs zu steigern, sondern die Nutzung des Schienenverkehrs gar als Gipfelpunkt ästhetischen Genusses aufzuwerten. (Steigende Unfallzahlen als Begleiterscheinung des Privatisierungsprozesses sollen an dieser Stelle unkommentiert bleiben.) Und seitdem die Vorzeige-U-Bahn der Rohrstadt-Metropole fast genauso klingt wie die New Yorker Subway oder die Londoner Tube, ist auch der stets um internationales Profil bemühte Präsident der – wie es hinter vorgehaltener Hand schon lange heißt – größten anzunehmenden Universität der Rohrstadt voll des prallen Lobes über die „Klangreform“ der U53, welche ja nicht zuletzt auch als willkommene Begleitmusik der konzertierten Aktion der aktuellen Exorbitanz-Initiative aufgefaßt werden könne, deren Dirigent er schließlich sei.

Ja, der Arm des Hochschulpräsidenten reicht weit: Nicht nur die vorzugsweise naturwissenschaftlichen Elite-cluster auf dem eigenen campus, jene Keimzellen seines künftigen centers of exorbitance, scheinen ihm direkt zu unterstehen, sondern auch auf der Klaviatur der uninahen Infrastruktur läßt er offensichtlich und – zur rush hour im 5-Minuten-Takt – für alle hörbar virtuos seine Finger spielen. Mit einem selbstzufriedenen Lächeln lehnt sich der höchste Repräsentant der größten anzunehmenden Universität in seinen Ledersessel zurück und hält noch einmal kurz inne, bevor er sich in Richtung des größten real existierenden größten Hörsaals begibt, wo er an diesem Tag aus den Händen des Zukunftsministers PERSÖNLICH die Weihen der Exorbitanz empfangen will. Sollen die Ketzer da draußen die geweihten Gewölbe der Rohrstadt-Akademie ruhig immer noch GAU nennen, sollen sie nur – er würde es heute allen zeigen, er würde sie lehren, die heiligen Hallen des Exorbitanz-Zentrums zu verehren wie einen Leuchtturm der Wissenschaft inmitten des Nebels der Unwissenheit und Ignoranz, ja wie einen allesüberstrahlenden Sakralbau im heidnischen Niemandsland, eine Kathedrale im gottlosen Nirwana.

Derweil erreicht Nemo gerade die nach einem ehemaligen Oberbürgermeister der längst in die Rohrstadt eingemeindeten Kommune benannten, scheinbar endlosen Betonbrücke über die sechsspurige Akademiestraße, wo ihm wie fast jeden Tag direkt ein schneidender Wind ins Gesicht weht. Noch am Wochenende ließ der Hochschulpräsident auch den letzten Fetzen jener Plakate entfernen, die hier sonst zumeist für Kulturveranstaltungen oder politische Anliegen warben. Die Akademiebrücke wirkt nun noch steriler als sonst. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, daß ihr offen-sichtlich auch ein neuer Anstrich verpaßt worden ist – das Grau ist noch eine winzige Nuance gräulicher geworden.

Als Nemo kurz darauf durch eine gläserne Drehtür den Verwaltungstrakt betritt, blitzt einen Augenblick lang die gespiegelte Silhouette von Pablo Picassos Guernica in der rotierenden Türscheibe vor ihm auf. Plötzlich spürt er einen Stein im Magen, der ihn kurz in der Drehtür verharren läßt, so daß ihm die nächste rotierende Scheibe schmerzhaft in die Hacken schlägt: Vier Jahre hatte es seinerzeit gedauert, der Hochschulleitung begreiflich zu machen, daß diesem Betonklotz ein Kernstück seiner Restidentität abhanden gekommen sei, nachdem ein privater Investor eine Mitte der 80er Jahre von friedensbewegten Uni-Angehörigen angefertigte Kopie von Picassos Friedensmonument quasi über Nacht zugemauert hatte. Fast ein halbes Jahrzehnt hatte es gebraucht, bis es die wenigen Studierenden in einer eigens eingesetzten Senatskommission durchboxen konnten, in der Nähe des Bibliothekseingangs Ersatz für das pazifistische Wandgemälde zu schaffen – leider braunstichig auf Lkw-Plane gepixelt, aber immerhin. Was damals gut gemeint war, schmückt vielleicht bald schon die offizielle Visitenkarte des künftigen Exorbitanzzentrums. Gut, daß er dann schon längst nicht mehr eingeschrieben sein wird, denkt Nemo und hüpft aus der Drehtür. Mit schleppendem Schritt, aber einem breiten Lächeln auf den Lippen schreitet er direkt zur Tat.

Als der größte anzunehmende Hochschulpräsident des designierten center of exorbitance unterdessen auf dem Rücksitz einer Luxuslimousine des hochschuleigenen Fahrdienstes den größten real existierenden Hörsaal erreicht, ist auch der Landesminister für Zukunft bereits eingetroffen, flankiert von einem vielköpfigen Aufgebot der örtlichen Bereitschaftspolizei. Wie es leuchtet, dieses immer wieder einsatzsignalblau durchzuckte Olivgrün der Uniformen! Sogar ein Sanitätsbeamter mit rotem Käppi ist dazwischen. Vom verschiebbaren Dach des einer riesenhaften Qualle gleichenden Rohbetonbaus seilt sich gerade eine Sondereinheit ab – offenbar mit dem Auftrag, auch den letzten Winkel nach Wasserbomben und ähnlichem zu durchforsten, um jedwede mögliche Störung der festlichen Zeremonie auszuschließen. Im Eingangsbereich werden zudem sämtliche Gegenstände konfisziert, die potentiell geeignet sein könnten, die Veranstaltung akustisch zu unterminieren. Selbst großformatige Druckwerke, die eventuell als lärmerzeugende Schlaginstrumente herhalten könnten, werden einstweilen eingesackt. Auch Nemo muß einen unförmigen historischen Atlas, eine Dauerleihgabe der Historiker, abliefern, den er nach seiner heutigen Exmatrikulation eigentlich der Bibliothek seines ehemaligen Instituts hatte zurückgeben wollen. Aber egal – sollen das doch die Bullen für ihn übernehmen. Außerdem steht die gesamte Historische Fakultät ohnehin auf der Abschußliste – an der exorbitanten Akademie der Zukunft werde eine „übereifrig-akribische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit“ als „nicht mehr zeitgemäß“ empfunden, so brachte es der Präsident in seiner jüngsten Rede auf den Punkt.

Applaudieren – natürlich nur an den richtigen Stellen – ist jedoch ausdrücklich erwünscht, und so bricht scheinbar spontaner Jubel aus, als der zu kürende Exorbitanzpräsident seinem auf Hochglanz polierten Gefährt entsteigt und dem Zukunftsminister feierlich die Hand schüttelt. Obwohl er es bis zum Hochschulpräsidenten gebracht hat, wirkt sein Händedruck immer noch etwas linkisch. Außerdem ist es ihm trotz intensiven ergotherapeutischen Trainings und Verhaltenstherapie unter Anleitung hochbezahlter Psychologinnen auch im Vorfeld des zu erwartenden Höhepunkts seiner Karriere nicht gelungen, die schlechte Angewohnheit abzulegen, den kleinen Finger beim offiziellen Händeschütteln stets einzuklappen. Dies soll ihm am heutigen Tage zum Verhängnis werden…

Nemo ist einer der wenigen, die nicht applaudieren, als auch das Blitzlichtgewitter und Kameraklicken der zahlreich anwesenden Journalisten in eine staatstragende Begrüßungskakophonie einstimmt, die ein kaum vernehmbares Knacken übertönt, als die fleischige Ministerpranke die knochige Hand des Hochschulpräsidenten drückt. Niemand außer ihm selbst und der Spiegelreflexkamera eines übereifrigen Paparazzo scheint die Fraktur des mittleren Segments seines kleinen Fingers wahrgenommen zu haben: Nur einen Sekundenbruchteil ist das joviale Präsidenten-Siegerlächeln schmerzverzerrt. Und auch für diesen winzigen Augenblick der Schwäche könnte sich seine Magnifizenz in Grund und Boden ärgern – spätestens, wenn er am nächsten Morgen sein Konterfei im Großformat auf den Titelseiten der führenden Regionalzeitungen erblicken wird: Es scheint, als blicke er – erstmals in seiner Laufbahn – in den Abgrund der Niederlage.

Während der nachfolgenden Rede des Zukunftsministers dagegen setzt der Präsident der größten anzunehmenden Universität der Rohrstadt wieder ein – nun freilich etwas angespannt wirkendes – maskenhaftes Siegergrinsen auf. Auch als die entscheidenden Worte fallen, fällt die Maske nicht. Wie er das macht, ist Nemo ein Rätsel. Kaltschnäuzig bemängelt derweil der Minister die „mangelnde Zukunftsfähigkeit der Rohrstadtakademie“, die ihre „plebejischen Wurzeln noch immer nicht ganz abgestreift“ habe: Jegliche „sozialromantischen Sonderregelungen in der Hochschulverfassung“, wie er sich ausdrückt, seien „konsequent zu tilgen und ersatzlos zu streichen“. Zudem fehle noch der „Mut, sich endlich von den letzten Versatzstücken der Geisteswissenschaften zu verabschieden“ – immer noch gebe es „nutzlose, nicht wirtschaftsverwertbare Angebote im Bereich von Randsprachen wie Japanisch, Französisch, Spanisch“ – dies alles müsse restlos verschwinden, bevor den Exorbitanzkriterien des Zukunftsministeriums und des privatwirtschaftlichen Centers for highschooldevelopement zur Genüge Rechnung getragen sei. Auch als ein ziemlich unauffälliger Student mit Ringelpulli und Lederjacke, der sich irgendwie durch die Sicherheitskontrollen geschlichen haben muß, seiner Magnifizenz als „Trostpreis“, wie er durch das auf unbekanntem Weg in seine Hände gelangte Mikrophon verlauten läßt, einen Eimer Schlacke überreicht, bedankt sich der düpierte Präsident höflich, faselt in künstlicher Euphorie irgend etwas von „jede Menge Asche“ und betont, wie knapp doch die Rohrstadtakademie am exorbitanten Ritterschlag vorbeigeschrammt sei. „Exorbitanz und Wahnsinn“, murmelt Nemo halblaut und beschließt, seine letzten Stunden auf dem Campus nicht länger in dieser Narrensitzung zu verschwenden.

Nur einen einzigen jener Orte will er noch aufsuchen, die ihm hier einmal wichtig waren, als er sich noch mit der Akademie verbunden gefühlt hatte; als es auf dem Campus endlose politische Debatten gegeben hatte, die sich jenseits jeglicher Exorbitanz bewegten; als die Zukunft seines Faches noch sicher schien. Einen Ort, der eine Geschichte zu erzählen hat. Einmal noch begibt er sich zu einer etwas entlegenen Stelle, wo ein inzwischen verblichenes Wandbild zu sehen ist, das aus einer schier endlosen Menge von Köpfen, Armen und Händen besteht, umringt von Ketten, die es zu sprengen gilt; ein Bild, das eine Botschaft übermitteln will; eine Botschaft, die direkt ihren Weg mitten ins Herz des Betrachters findet: Daß es sich lohnt, für seine Ideale zu kämpfen, was auch immer passieren mag. Daß es irgendwann gelingen wird, das Joch politischer Unterdrückung abzuschütteln, Unrecht zu beenden und eine neue Ära der Menschlichkeit anbrechen zu lassen. Darunter steht ein Schriftzug, der Pablo Neruda zugeeignet ist: CHILE blut-beflecktes Land sind die ersten Worte – der Rest ist kaum noch zu entziffern. Nemo wünschte, jemand würde sich des Bildes annehmen und es restaurieren, bevor es zu spät ist. Bevor die letzten Reste verwittert sind. Bevor ein übereifriger Hochschulpräsident auf die Idee kommt, dies alles mit einem Hochdruckreiniger hinwegzufegen. Dann plötzlich der absurde Gedanke an den Super-GAU: Was wäre, wenn eine Mini-Replik des restaurierten Gemäldes die Visitenkarte des real existierenden Präsidenten der größten anzunehmenden Hochschule zieren würde – eine groteske Vorstellung.

Eine Zeitlang horcht Nemo in die Stille hinein, die diesen Ort umgibt. Nur das entfernte Dröhnen der RoBuSta-Waggons ist dann und wann zu vernehmen. Auf einmal durchschneiden dumpfe Bässe und Gejohle die Herbstluft – vor dem größten Hörsaal wird die Niederlage im Exorbitanzwettbewerb wie ein Sieg gefeiert.

Das ultimative Zeichen zum Aufbruch.

Erstveröffentlichung in: Geld schreibt. Kurzprosa aus dem Ruhrgebiet, hg. v. Ralph Köhnen u. Ulrich Schröder; Bochum: Brockmeyer 2009 [ISBN 978-3-8196-0747-9], S. 157 – 163.

Der Abschließer

Juli 17th, 2010

Wenn ich einer Institution meiner Universität zu besonderem Dank verpflichtet bin, so gebührt dieser einer schattenhaften Existenz – ja, einem wahren Phantom der Akademie, welches einst das Arbeitsklima an diesem ehrwürdigen Tempel der Wissenschaften in höchst absonderlicher Weise prägte; es ist: der Abschließer. An manchen Tagen war es allein seiner Tatkraft und Entschlossenheit zu verdanken, daß ich mein Tagespensum auch nur annähernd zu erfüllen vermochte. Als geradezu unentbehrlich erwies sich der Abschließer an Montagen: Wenn ich mich nach durchzechtem Wochenende gegen 14 Uhr an die Uni schleppte und direkt in den kulinarischen Orkus der Mensa eintauchte, vergingen keine zwanzig Minuten, bis er erstmals auf jener Empore auftauchte, wo sich das Fließband und die Stellregale zur Einlieferung leerer Tabletts befanden. Über das laufende Band gebeugt, blickte er, beidhändig auf die Brüstung gestützt, in den Großraumspeisesaal hinab. So spähte er in die verbliebene Restmasse hastig essender Studierender; wie ein Professor, der sich vergewissern will, daß sich tatsächlich nur zwei Leute im Hörsaal verloren haben und die angekündigte Vorlesung daher abgeblasen werden darf. Bloß mit dem Unterschied, daß sich an jenem Mensamontag noch über 50 Restessende in den scheinbar unendlichen Weiten des Saals mit seiner etwas einfallslosen Kunst im Bau an den Wänden auf den charmant-tristen roten und blauen Plastikstühlchen tummelten.

Während ich gerade irgendeinen Puddingpapp in mich hineinschaufelte, kam der große Augenblick: Der kleine, rundliche Mann auf der Empore spitzte die fleischigen Lippen, hob den Kopf, als wolle er zum Gebet rufen, und verkündete die klingende Botschaft: “Bitte Tische abräumen – Feierabend!” Ich würgte die letzten Löffel der breiigen Masse hinunter, raffte meine Klamotten zusammen und balancierte das rissige, schon beinahe auseinanderfallende Tablett die Treppen zur Fließbandempore herauf. An dem gerade noch einmal nachdrücklich den “Feierabend” ausrufenden Menschen vorbeigleitend, stellte ich es auf das laufende Band. Nun stürmten die letzten Esser die Stufen hinauf, einige puddingpappseibernd, andere mit noch fast vollem Tablett, für dessen kulinarische Bestückung sie vor einer Viertelstunde ihr letztes Kleingeld ausgegeben hatten. Das Ganze hatte beinahe etwas Sakrales, wie eine Art Opfergabe – fehlte nur noch ein Teelicht, das man mit dem Tablett aufs Band stellen und dem Denkmal des unbekannten Tellerwäschers weihen konnte.

Ich jedenfalls kaufte mir kein Teelicht, sondern ‘nen Kaffee in der für ihre verwegenen Öffnungszeiten berüchtigten Cafete mit Dachterrasse im Obergeschoß: Um 14.45 h war hier Schicht im Schacht. Mein Glück, daß der Kaffeesatzabscheider heute mal keine Zicken machte, wußte ich zu schätzen, und auch meine tonnenschwere Mitbringtasse war nicht zwischen dem Bücherballast im Rucksack zerkrümelt worden – theoretisch blieben nun noch 12 Minuten, um die braune Brühe, nach der ich schon seit 13 Semestern süchtig war, in vollen Zügen zu genießen. Doch als ich mich gerade gesetzt hatte, rasselte ein massiger Schlüsselbund an meinem tinitusgeplagten Ohr: Ich ahnte es, er brauchte gar nichts mehr zu sagen; Worte waren hier überflüssig – nein, er tat es doch: “Wird abgeschlossen”, tönte es vollmundig, “wird zugemacht, hier.” Königsblau leuchtete der Kittel des Abschließers, den weiten Raum mit einer starken Aura erfüllend, die einfach keinen Widerspruch zuließ und postwendend den massenhaften Exodus apathisch wirkender, blasser Studentengestalten auslöste. “Wird zugemacht, hier”, wiederholte er extra für mich noch einmal, da ich als letzter noch ausharrte und mich an meinem Mitbringgefäß festklammerte. Schweigend folgte ich der monoton vorgetragenen Anweisung und balancierte die halbvolle Tasse auf die Dachterrasse.

Hier wurde mir bewußt, daß laut Kalender gerade Winter war. Darüber konnten auch die subtropisch anmutende Märzsonne und 22 Grad Celsius kaum hinwegtäuschen. Spontan beschloß ich, mich noch auf ein paar Parkbankseiten Pflichtlektüre in den Botanischen Garten zurückzuziehen – schließlich mußte es ja zumindest irgendeinen Nutzen haben, daß mich der Abschließer derart auf Trab hielt und ich zur Ableistung meines bescheidenen Montagspensums beinahe geprügelt wurde. Tatsächlich schaffte ich sieben Seiten Adorno im chinesischen Pavillon, bis um Punkt 16 Uhr eine verzerrte Megaphonstimme die bröckeligen Wände des baufälligen Häuschens erschütterte: “Der Garten wird geschlossen – der Garten wird geschlossen”, tönte es zwischen frühreifen Osterglocken und knospendem Ginster. Oh Graus, der Abschließer schien einen uniweiten mobilen Einsatzauftrag zu haben, wahrscheinlich sogar mit UN-Mandat. Nichts wie weg hier, bevor ich noch in Guantánamo landen würde. Ich floh bergab ins Tal, wo ich bis zum Einbruch der Dunkelheit auf den Bus wartete.

Meine Wohnung trug noch die üppigen Narben der letzten Party: Leergut trieb in riesigen Bierlachen durchs Wohnzimmer, an der rostigen Stehlampe waren Hansa-Pils-Dosen von der Tanke gegenüber gestrandet. Es stank nach mindestens zwei Wochen altem, kaltem Billigzigarrenrauch – ich hätte kotzen können. Standhaft ignorierte ich jedoch das Treibgut in meiner Dachgeschoßspelunke und beschloß, das inzwischen halb verdaute Mensaessen bei mir zu behalten. Statt mich sinnloser Aufräumarbeiten hinzugeben, rang ich mich dazu durch, ein Bad zu nehmen und die Adorno-Lektüre in der Wanne fortzusetzen. Als ich gerade in die unauslotbaren Tiefen der Kritischen Theorie abzutauchen im Begriff war, hörte ich plötzlich ein eigentümliches Schrappen im Nebenraum, begleitet von metallischem Klirren; dann – kurz – Stille. Auf einmal – was war das? – öffnete sich wie von Geisterhand die Badezimmertür; ein bläuliches Leuchten schimmerte auf den kalkweißen Kacheln, und platsch fiel mein Adorno ins Wasser: Verdammt, mitten im Bad stand – den Schlüsselbund entschlossen umfassend – der Abschließer!

Als er sich grinsend der roten Zone um meine Badewanne näherte, bereitete ich mich auf die entscheidenden Sekunden vor, holte tief Luft und ging auf Tauchstation. Dieser Zustand jedoch währte nicht länger als einen Wimpernschlag – als der Abschließer den Wannenrand erreichte und wohl gerade auf die baldige Schließung des Badezimmers hinweisen wollte, katapultiere ich mich durch eine zentimeterdicke Schaumschicht aus der Wanne, fliege ein gutes Stück an der blauen Gestalt vorbei durch die Luft und setze kurz vor der Türschwelle zur Hechtrollenlandung an. Das ist die perfekte Welle! Ich robbe weiter ins Arbeitszimmer, schnelle hoch wie eine überdrehte Uhrfeder und lande auf dem Dachlukenfensterbrett. Ohne mich umzublicken, gleite ich auf die Pfannenziegel hinaus und schaffe es so gerade eben, nicht abzurutschen und mit Mühe und Not den Dachfirst zu erreichen. Als ich auf der anderen Seite wieder hinuntergleiten will, um durch die eben noch offenstehende Wohnzimmerdachluke wieder einzusteigen, bemerke ich, daß diese verschlossen ist. Sämtliche Luken sind dicht – Mist, ich hätte es mir doch denken können: Statt mich übers Dach zu verfolgen, hat der Abschließer seines Amtes gewaltet und mich aus meiner Wohnung ausgesperrt. Auf der Straße haben sich schon ein paar Leute versammelt und gaffen. Erst jetzt wird mir bewußt, daß ich splitternackt bin. Zwei Stunden später fischt mich ein Rettungshubschrauber vom Dachfirst auf. Kurz bevor ich ins Koma falle, nehme ich noch wahr, daß der Pilot eine blaue Dienstuniform trägt.

* * * * *

Nachdem ich ins Bergmannsheil gehelikoptert worden war, wurde dort nach langwierigen Untersuchungen mein klinischer Tod festgestellt: Aufgrund des durch die zurückliegenden Ereignisse erlittenen Schocks war der gesamte Organismus zusammengebrochen; seitdem werde ich künstlich im Komazustand gehalten. Da ich keine Angehörigen habe, die meine Restkörperverwertung zu medizinischen Versuchszwecken verhindern könnten, wird wie folgt verfahren: Am folgenden Tag läßt man meinen klinisch toten Körper nach Ablauf der offiziellen Öffnungszeit in die Universitätsbibliothek bringen, wo er durch einen Schlauch am Hinterkopf in Gegenwart zahlreicher Experten an den HIRNPORT angeschlossen wird. Auch der Abschließer ist da – schließlich muß ja irgendjemand dafür sorgen, daß die Öffentlichkeit ausgesperrt bleibt und die Presse nichts mitkriegt.

Von der Außenwelt abgeschnitten und vom eigenen Körper völlig losgelöst, taucht mein Geist nun in eine ihm bislang unbekannte Welt ein: Übers extraterrestrische Netz des superglobalen Informationstransfersystems werden meine Gehirnbahnen an den Bordcomputer der International Space Station (ISS) angedockt und die in mein Hirn dringenden Weltraumimpressionen auf eine Großleinwand in der Unibibliothek projiziert. Visionen von apathisch durchs Vakuum schwebenden Kosmonauten wechseln mit dramatischen Bildern aus dem All beäugter Wirbelstürme auf dem klimagewandelten Blauen Planeten. Grelles Sonnengleißen zerhagelt meine künstlich belebten Restsynapsen – dazwischen aber tauchen für das Expertenteam unerklärliche Bilder eines halbleeren Großraumspeisesaals auf, wo ein kleiner dicker Blaumann den “Feierabend” ausruft. Als ich an Uranus, Neptun und Pluto vorbei in die virtuellen Weiten des Weltraums spähe, sieht sich mein Geist immer noch das rissige Mensa-Tablett am Abschließer vorbei umständlich auf das inzwischen längst stillgelegte Fließband lavieren, was die gaffenden Neuroinformatiker am HIRNPORT mit fassungslosem Kopfschütteln quittieren. Bilder vom Botanischen Garten mischen sich mit Kakteenzucht-im-Vakuum-Versuchsanlagen auf der ISS, und plötzlich taucht auch der Abschließer im biologischen Versuchstrakt der Raumstation auf und verkündet durch sein schwerelosigkeitsbedingt mühsam an den Mund gepreßtes Megaphon die Gewächshausschließung.

Soviel Wahnsinn aber hält selbst der HIRNPORT nicht aus: Kurzschluß – Kabelbrand – Chaos. Der Abschließer betet den verwirrten Wissenschaftlern die Brandschutzordnung vor, herumliegende Akten fangen Feuer – die Universitätsbibliothek brennt. Hysterische Hiwis hecheln die Treppen zum Notausgang hinab, den sie jedoch verschlossen vorfinden – der Abschließer hat wahrlich ganze Arbeit geleistet. Ehe in der Gluthitze der brennenden Bibliothek mein schwindendes Bewußtsein gänzlich mit dem Computerhirn der Raumstation verschmilzt, habe ich noch einmal die Vision, nackt auf dem Dachfirst meines nunmehr ebenfalls in Flammen stehenden Hauses zu sitzen, begafft von einem Rudel Neuroinformatiker, die sich dilettantisch daran versuchen, einen Feuerwehrschlauch an den zerschmelzenden Hydranten am Straßenrand anzuschließen; unter ihnen natürlich auch der Abschließer, in einem bläulich-violetten Kardinalsgewand die Zehn Gebote verkündend. “Du sollst keine Hybris begehen” ist nicht dabei. Kurz bevor alles schwarz wird vor meinem virtuellen Auge, sehe ich mich für Sekunden von einem Feuerball umgeben: Von einem mächtigen Meteoriten getroffen, ist die International Space Station aus ihrer geostationären Umlaufbahn geraten. Wenig später verglüht sie beim Eintritt in die Erdatmosphäre. Ich lächle. Dann werde ich abgeschaltet.

Erstveröffentlichung in: Treibgut. 42 Spuren am Strand, hg. v. Denise Schynol, Julia Sandforth, Ulrich Schröder, Christoph Villis; Duisburg: Universitätsverlag Rhein-Ruhr 2007 [ISBN 978-3-940251-12-1], S. 171 – 175.

Literatur.geortet

Juli 16th, 2010

Schon seit dem plötzlichen Aufwachen früh am Morgen bin ich wie besessen von diesem Gedanken: Heute werde ich geortet! Das heißt, die literarische Seite in mir ist es, die genauestens sondiert werden soll. Außer mir nehmen noch vier weitere Mitbewerber an der Prozedur teil – wer die interessantesten Ergebnisse zutage fördert, wird preisbelohnt. Um das Resultat in keinster Weise zu verfälschen, ist es unabdingbar, die Ortungsstätte ohne beschriebenes Papier oder auf der mentalen Festplatte abgelegte Textdateien zu betreten. Außerdem sind vor Beginn der Ortung die Gehirnbahnen komplett neu zu formatieren: Schon am Vortag mußte ich hierzu unter Aufsicht ein starkes Medikament – einen sogenannten Synapsencleaner – einnehmen, um vor dem Wettbewerb den ortungsgemäßen Zustand meiner geistigen hardware zu gewährleisten: Vollständige Hirnrindensäuberung – nur durch eine solche Routinemaßnahme sei nach Ansicht des Organisationskomitees die absolute Chancengleichheit aller Wettbewerbsteilnehmer vollkommen sicherzustellen.

Gerade habe ich die Sicherheitsschleuse passiert, und schon in wenigen Minuten wird es ernst. Bereits am Papierdetektor kommt es jedoch zu schwerwiegenden Komplikationen: In der Überzeugung, komplett clean zu sein, durchschreite ich selbstbewußt den Detektor, bis ein gellendes Piepen die Luft zerschneidet und grelle Blinklampen die abgedunkelte Schleuse in ein zuckendes Rotlicht tauchen. “Sie haben Papiergegenstände bei sich”, blafft mich der Oberinspizient an. “Keine Ahnung – mag schon sein”, gebe ich irritiert zurück. Lustlos durchstöbre ich meine Taschen, finde aber nichts. Erst nach einer etwa zehnminütigen Leibesvisitation stellt sich heraus, daß irgendwo in einer winzigen Westeninnentasche noch ein zerknüllter Busfahrschein mit Stempel vom 12. September 2001 steckt…

* * * * *

Ich erinnere mich: The day after – nach einem 24stündigen Segeltörn Rund um Elba hatte ich erst an der Hafenmole von den Anschlägen erfahren, weil sämtliche Handys auf dem Boot permanent ausgestellt waren, damit alle den Törn in Ruhe genießen konnten. Geradezu paradiesisch war das gewesen. Im Hafen brach dann jedoch unmittelbar die Hölle los – jeder wollte sofort nach Hause telefonieren, obwohl niemand von der Crew auch nur entfernte Bekannte in New York oder Washington D. C. hatte. Ich war der einzige, der nicht die geringste Lust zum telefonieren verspürte, zumal ich mir ohnehin schon lebhaft ausmalen konnte, wie die Hysterie am heimischen Bildschirm spätestens bei der dritten Wiederholung der Turmstürze in unermeßliche Höhen gestiegen war. Dann setzte ich mich in irgendeinen Überlandbus Richtung Pisa, wo es mich geradezu magisch hinzog – ich mußte wohl von einem unbändigen Drang getrieben sein, mich auch nur ein paar Minuten an jenen Turm zu lehnen, der trotz seiner chronischen Schieflage so vielen Jahrhunderten standgehalten hatte.

Als ich dann nach Ankunft des Busses mein Gepäck am Bahnhof einschließen wollte, begann eine wahre Tortur: Sämtliche Schließfächer waren gesperrt – die Berlusconi-Regierung witterte offenbar selbst in Europa flächendeckenden Gepäckbombenterror am day after. Ich wurde zu einer manuellen Kofferverwahrung geschickt, wo mich ein massiger Carabiniere musterte. Da ich sofort das Gefühl bekam, irgend etwas ausgefressen zu haben und wichtige Dokumente sowie potentielle Beweismittel umgehend beseitigen zu müssen, ließ ich reflexartig meinen gebrauchten Busfahrschein blitzschnell in der Innentasche meiner Weste verschwinden. Während der Carabiniere mit seinen abgewetzten Lederhandschuhen schließlich sogar meinen Duschbeutel durchfingerte, konnte ich wenigstens einen Teilsieg verbuchen: Der Fahrschein blieb unentdeckt, Ort und Zeit meines Reiseantritts nach Pisa verblieben somit unbekannt – bis heute.

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“Na ja”, brummt der Inspizient am Papierdetektor mürrisch, “da haben Sie ja einen feinen Stichwortzettel eingeschleust… SIE MEINEN WOHL, SIE WÄREN WAS BESONDERES, JA?!? Nach dem Motto: Über den elften September schreiben eh’ alle – ich dagegen, ICH schreibe über den zwölften, was?? Denken Sie mal darüber nach”, raunzt er zum Abschluß seines Plädoyers einigermaßen väterlich-versöhnend und gibt mir unversehens den abgelaufenen Fahrschein zurück.

Danach aber geht es richtig zur Sache: Das brainscanning steht an! Provisorisch wird mir ein HIRNPORT gelegt, und man kabelt mich an den Gedankenscanner, um meine Denksequenzen vor den Augen der fünfköpfigen Jury wie einen Film auf eine Großleinwand zu projizieren. Wer auf Grundlage der halbstündigen Gedankenbeobachtung dem Ermessen der Jury nach überführt ist, vorgefertigtes Denkmaterial jeglicher Art in den Wettbewerb einschleusen zu wollen, wird gnadenlos von der Teilnahme ausgeschlossen. Obwohl ich mich wirklich zusammenreiße, um mein Gehirn möglichst auf stand by herunterzufahren, bricht der Gedankenstrom nach wenigen Minuten mit brachialer Urgewalt hervor: Sprengstoffbeladene Segelyachten krachen ins Weltkulturerbe der Sidney Opera, bis zum Bersten mit weißem Pulver gefüllte Lebensmitteltransporter rammen das Eingangsportal von Downing Street 10, ein nordkoreanisches U-Boot taucht mitten am hellichten Tag aus der im Spätsommer fast ausgetrockneten Seine auf und beschießt den Eiffelturm mit fliegenden Atomtorpedos.

“Sind Sie denn jetzt völlig übergeschnappt”, fährt mich der Oberinspektor in seiner gleichzeitigen Eigenschaft als Jury-Vorsitzender an. “Solche vorfabrizierten, zudem abgrundtief defätistischen Phantasien in den Wettbewerb zu tragen, nur um durch sensationsgeile Effekthascherei Punkte machen zu wollen – Sie sollten sich was schämen!” Skeptisch blicken mich die vier übrigen Jurymitglieder an, während der Vorsitzende vielleicht etwas vorschnell bereits dienstliche Anweisungen erteilt: “Auskoppeln”, ruft er energisch in die Runde, wobei er mit der flachen Hand die Luft zerschneidet, als verkünde er ein Urteil, dem nicht zu widersprechen sei, “sofort auskoppeln!”

Während mir rasch der Stecker aus dem Hinterkopf gezogen und der provisorische HIRNPORT so zügig entfernt wird wie beim flüchtigen Formel-1-Boxenstop, stellt eines der Jury-Mitglieder zu meiner Überraschung dennoch die Frage, ob ich etwas zu meiner Verteidigung vorzubringen hätte. “Nun”, antworte ich, trotz meiner vermeintlich aussichtslosen Lage mit Bedacht, “das… ist alles bloß medial vermittelt – die Gedanken sind… eben nur scheinbar frei. Ich, ich bin ein Opfer, wie alle anderen auch, ein Opfer der Mediengesellschaft, nichts weiter!” “Nichts weiter”, wiederhole ich noch einmal kleinlaut.

* * * * *

Nach kurzer Unterbrechung der Verhandlung wird ein für mich vollkommen überraschender Schiedsspruch verkündet: Mit 3:2 Stimmen werde ich freigesprochen und darf tatsächlich am Wettbewerb teilnehmen! Die komplizierte, juristisch spitzfindige Begründung dürfte hier nicht weiter von Interesse sein. Ich jedenfalls verlasse die Sicherheitsschleuse und öffne eine neue Textdatei auf der mentalen Festplatte. Literatur.geortet – ich komme!

Erstveröffentlichung in: Feuer im Foyer, hg. v. Schreibhaus e. V.; Bochum 2005 [ISBN 3-937840-05-2], S. 13 – 16.

Kanonenteich

Juli 15th, 2010

Es ging mir nicht mehr aus dem Kopf, dieses Wort. Immer wieder schoß es mir in den Sinn: KANONENTEICH. Wer hatte sich diesen bodenlosen Unsinn nur ausgedacht? Mitten in den Wald sollte der Teich gesprengt werden, um künftig eine einsame Schneekanone mitten im Rothaargebirge zu speisen… Das Räderwerk der Verwaltung kannte keine Gnade: Eventueller Widerstand sollte im Keim erstickt werden, gerade in den eigenen Reihen; selbst der Sprachgebrauch wurde genauestens reglementiert, und nachdem ich in einer elektronischen Mitteilung an einen Kollegen etwas salopp die aktuellen Schwierigkeiten mit dem Projekt ‘Kanonenteich’ umrissen hatte, wurde ich sogleich nachdrücklich gerügt. Aber – mal Hand aufs Herz – wer bekäme da keinen Knoten in der Zunge, wenn die Verwendung des amtsdeutschen Begriffes ‘Bevorratungsteich für Beschneiungsanlagen’ behördlich verordnet würde?

Seit dieser Geschichte wackelte mein Stuhl im Amtsstübchen des Landkreises. Zwar war ich mir der Schwere meines Vergehens in keiner Weise bewußt – doch die Lage war ernst. Sehr ernst sogar. Hinter meinem Rücken wisperten Vorgesetzte, Sekretärinnen und Praktikanten, ‘wie lang es der Schulz wohl noch macht…’ Aber das war mir fast schon egal – sollten sie mich doch strafversetzen, viel schlimmer konnte es kaum werden als in diesem Provinzamt. Weit erniedrigender war die dreiste Bevormundung, mir den behördlichen Sprachgebrauch vorschreiben zu wollen – meine Zunge gehört mir, mir allein! Und dann die Überwachung des Schriftwechsels: Wer weiß, wie viele Zensoren sich tagtäglich über meine elektronische Post hermachten, um nach Belastungsmaterial zu forschen. Unglaublich!

Hinzu kamen die zähen Verhandlungen über den endgültigen Standort des Kanonenteichs – ich will nur ein kleines Beispiel geben für die Qualen, die ich in jener Zeit durchlitt. Ich zitiere aus dem Protokoll eines ‘Sondierungsgesprächs’ am 13. März in der Gaststätte Liftklause in Hülsenbeck-Lötzel. Aus Gründen der Diskretion bin ich jedoch gehalten, auf Namensnennungen zu verzichten, daher sollen die Teilnehmer an diesem Gespräch anonym bleiben. Nur so viel sei gesagt: Es waren sieben, allesamt männlich. Sieben mehr oder weniger amtsgeschädigte Naturausbeuter und Landschaftsbürokraten, die am liebsten noch jedem Baum, ja jedem Ast einen amtlichen Stempel aufdrücken würden, um dessen kommunale Leibeigenschaft zu dokumentieren; und dies vor allem, um von der eigenen Amtsversklavung abzulenken. Die Protokollnotiz des Gesprächs lautet wie folgt:

Zwischen den Herren bestand Einigkeit darüber, daß bei der Größe des ‘Kanonenteichs’ von 300 000 Kubikmetern als Richtwert auszugehen ist. Der finanzielle Rahmen für eine solche Teichanlage wurde auf 1,7 Millionen Euro beziffert. Als Richtgröße für die Kosten einer Beschneiungsanlage wurden 70 000 Euro pro 100 Meter Beschneiung angegeben, was beim Skigebiet Hülsenbeck-Lötzel auf ein Gesamtvolumen von 23 Millionen Euro inklusive Rohrleitungssystemen hinausliefe.

Welch eine brillante Rechnung! Mathematische Genies mußten da am Werke sein. Die Frage, ob ein Skigebiet in einem Naturschutzgebiet überhaupt wünschenswert sei, entglitt angesichts dieses überzeugenden Zahlenspiels dem Horizont der glorreichen sieben Provinzverwalter. Im nächsten Schritt galt es, die hiesigen Landschaftsschutzbestimmungen auszuhebeln und hydrologische Gutachten zu frisieren, um das Projekt juristisch wasserdicht zu machen… In epischer Breite wurden ´Betrachtungen zum Abflußregime im Fließgewässer Kleiner Blähbach` und eine Bilanzierung der zur Verfügung stehenden Bewirtschaftungswassermenge für den Bevorratungsteich erstellt. Von der Unteren Landschaftsbehörde mußte ich dazu folgende Unterlagen beschaffen: Kartierung geschützter Biotope, Pflege- und Entwicklungsplan Naturschutzgebiet Lötzel und Hülsenbecker Heide sowie Angaben zu bemerkenswerten Tier- und Pflanzenarten im Untersuchungsraum. Hurra!

Derweil machte ich meine eigene Rechnung auf: Mit einem einfachen Dreisatz ermittelte ich die nötige Menge Dynamit, um statt der ganzen Kostenrechnerei endlich unumkehrbare Tatsachen zu schaffen. Was sollte ein Verbrechen daran sein, genau das auszuführen, was offenbar alle wollten, um auch bei schwülen 20 Grad und Nieselregen Mitte März noch die Pisten im Rothaargebirge runterbrettern zu können? Aber so weit war es noch lange nicht…

Als ich mich beharrlich weigerte, in weiteren Schriftwechseln vom Gebrauch des Wortes ‘Kanonenteich’ abzulassen, wurde ich bis auf weiteres vom Dienst suspendiert. In meiner amtlich verordneten Freizeit begann ich, ausgedehnte Spaziergänge zu unternehmen, die mich unter anderem zum städtischen Steinbruch führten. Dort kam es in der Folgezeit wiederholt zu Unregelmäßigkeiten: Sprengungen wurden scheinbar nicht sachgemäß ausgeführt und eigenartige Muster in den Berg graviert, da einige Ladungen nicht detoniert waren und hinterher leere Sprenglöcher vorgefunden wurden. In jenen Wochen sammelte ich die ersten Dynamitstangen meines Lebens.

Zunächst bereitete es mir große Sorge, kurz vor den einzelnen Detonationen in den zu diesem Zeitpunkt menschenleeren Berg zu klettern, um den Bohrungen einige der roten Röhrchen zu entnehmen. Nach und nach aber wurde das Ganze zur Routine, fast wie die gleichförmige Verwaltungstätigkeit über all’ die Jahre. In den Fels gekrallt, entnahm ich also einige Stangen, biß die Zündschnur ab und kletterte ungesehen wieder zurück zur Zufahrt. Ein Wunder, daß mir das immer wieder gelang, Woche für Woche – Tag für Tag. Nach nur zwei Monaten hatte ich die kritische Masse beisammen…

Am letzten Tag im Mai schlich ich schwerbeladen in den Wald, wobei ich mich hütete, selbst Tieren zu begegnen – man kann ja nie wissen. Um keinen Personenschaden zu verursachen, installierte ich zunächst einen Lautsprecher samt Tonbandgerät, das ich an den Zeitzünder koppelte, damit zufällig im Umkreis der Detonation befindliche Personen eine faire Chance hatten, die Rote Zone rechtzeitig zu räumen. Die Ansage war sogar in fünf Sprachen samt Siegerländer Platt gehalten, um möglichst allen die rechtzeitige Flucht zu ermöglichen. Für in der Nähe befindliche Tiere wurde zudem ein Leuchtraketenwarnschuß abgegeben. Ich hatte wirklich an alles gedacht – ich muß mir keine Vorwürfe machen!

In der ersten Juniwoche gab es fast täglich schwere Gewitter und Starkregen. Keller, Teiche, Talsperren füllten sich bis zum Rand. Ich räume ein, das hatte ich nicht erwartet. Auch grenzte es an ein Wunder, daß offenbar niemand von der Detonation und dem riesigen Loch oberhalb der nur im Winter geöffneten Liftklause Notiz genommen hatte. Genauso wenig hatte ich mit dem Erdrutsch gerechnet. Zuerst war die Klause weg. Ich hatte nun einmal nicht absehen können, daß das Erdreich dem Druck des Kanonenteichs nicht standhalten und der Kleine Blähbach zu einem reißenden Mittelgebirgsflüßchen anschwellen würde. Auch über die möglichen Auswirkungen des Domino-Effekts war ich mir nicht völlig im klaren gewesen…

Nun, hohes Gericht, blicken wir betroffen auf die Grundmauern von Hülsenbeck-Lötzel. 700 Menschen – zahlreiche Frauen und Kinder darunter – mußten evakuiert werden; Gott sei Dank noch gerade rechtzeitig, um das Schlimmste zu verhindern. Nur eine zurückgelassene Ziege ertrank in einer entlegenen Bestallung. Hierfür, Euer Ehren, möchte ich gnädigst um Vergebung bitten. Was nun das Strafmaß betrifft, so ersuche ich Sie um ein mildes Urteil – schließlich habe ich mich bereits am Tag nach dem verheerenden Erdrutsch den Behörden gestellt. Auch appelliere ich an Ihren Sachverstand und möchte klarstellen, daß ich zumindest für die widrige Witterung nicht im geringsten verantwortlich gemacht werden kann. Ferner erkläre ich meine Bereitschaft, die zu Tode gekommene Ziege sowie den entwendeten Sprengstoff zu ersetzen und mich am Wiederaufbau von Hülsenbeck-Lötzel mit voller Arbeitskraft zu beteiligen. Haben Sie vielen Dank – und allzeit guten Schnee!

Erstveröffentlichung in: Terror – Umarmung des Bösen [= Anthologie der Autoren, Bd. 2], hg. v. Marco Frohberger u. Robert Herbig, Web-Site-Verlag 2004; S. 45 – 48.

Der Pawlowsche Mensch

Juli 14th, 2010

Der Morgen graut und die Sonne droht aufzugehen, als Peter Pawlow das Haus verläßt. Ein paarmal blickt er in die müden Augen zur Arbeit taumelnder Frühschichtler, deren trüber Blick in unbestimmbare Ferne gerichtet scheint. Auch er will nicht so recht wahrhaben, daß der Tagesanbruch unerbittlich fortschreitet. Nachdem er es sich schlaftrunken in einer überfüllten S-Bahn Richtung Westen unbequem gemacht hat, läuft ihm die übliche Gänsehaut über den Rücken, als aus dem Lautsprecher eine devote Frauenstimme “nächster Halt: Wattenscheid-Hööööntrop” haucht. Nicht einmal an Halbschlaf ist zu denken, ein traumlos-traumatischer Wachzustand läßt ihn in den Tag taumeln.

Eigentlich ist Pawlow einer jener unauffälligen, jedoch durchaus gutaussehenden Mittdreißiger, die es zusammen mit ihren attraktiven Ehefrauen schon in jungen Jahren zu einer Doppelhaushälfte und zwei Kindern gebracht haben. Auf den ersten und zweiten Blick würde jedermann den etwas biederen Familienvater für vollständig normal halten, und eigentlich gäbe es keinen Grund, ihm makellose körperliche und geistige Gesundheit abzusprechen; wäre da nicht diese verfluchte Zwangsneurose: Mindestens jeden zweiten Morgen begibt er sich zum Düsseldorfer Flughafen und besteigt einen Düsenflieger mit dem immer gleichen Ziel: Palma de Mallorca.

“Nächster Halt: Duisburg-Raaahm”, biedert sich die gesichtslose Stimme wieder an. Pawlow befällt ein unangenehmes Gefühl leichter Übelkeit. Fast täglich sieht er sich diesem gnadenlosen Psychoterror ausgesetzt, der seinem Abflug Richtung Balearen-Orkus vorausgeht. Ja, die Schnellbahnlinie ist eine wahre Vorhölle auf dem Weg ins mediterrane Fegefeuer: immer wieder diese Frauenstimme, gefolgt vom monotonen Türschließpiepen. Nur heute ein kleiner Trost: Bei der letzten Ansage reißt das Band, und ein gedehntes “Düüüsseldooorf Fluuug-” geht in unbestimmbares Gequietsche über…

Das tinituserregende Quietschen setzt sich in der Abflughalle fort, wo sich Peter Pawlow von Heerscharen selten geölter Rollenkoffer und Gepäckkulis umgeben sieht – ganz zu schweigen von seinem Seelentinitus immer dann, wenn sein Blick eine jener unerreichbaren Blonden streift, deren Lebenssinn es zu sein scheint, ihre Balearen-Bräune regelmäßig aufzufrischen und ab und an den Ballermann zu beglücken. Derweil verrät ein Blick zur Flughafendecke, daß es hier vor nicht allzu langer Zeit einmal gebrannt haben muß. Solche Detailbeobachtungen näher zu hinterfragen, bleibt jedoch keine Zeit. Mit hektischem Blick auf sein Schweizer-Uhren-Imitat stellt Pawlow fest, daß keine Sekunde zu verlieren sei, die Mission des Tages zu beginnen.

Abgehetzt folgt er einem etwas überkorrekt gekleideten gleichaltrigen Kollegen, der ihm wieder einmal als Copilot zugeteilt ist. Mit abgehacktem, mechanisch wirkendem Schritt durchstürmt dieser pedantische Perfektionist die Sicherheitsschleusen, als wolle er einen feindlichen Cordon durchbrechen. Mit hängender Zunge hechelt Pawlow hinter ihm her und erreicht endlich den Flieger, den Tag bereits jetzt verfluchend. Schon seit Wochen geht das so – immer wieder dieses verdammte Ritual: aus dem Bett gequält, von der S-Bahn gerädert, im Stechschritt durch die langen Korridore, die irgendwann, wenn schon alle Hoffnung begraben scheint, doch noch zum Ziel führen – einer kleinen, umgerüsteten zweistrahligen Maschine, die mit allerlei medizinischer Apparatur vollgestopft ist. Hier könnten sie sich gut und gerne gegenseitig behandeln, Pawlow und sein Copilot, der auf den Namen Nikolaus Klumann hört. Doch für sowas bleibt keine Zeit. Nichtsdestoweniger hat sich auf den hinteren Sitzen im Cockpit wie immer ein Ärzte-Team versammelt, dessen Zusammensetzung wechselt. Von der heutigen Mannschaft ist Pawlow nur ein ziemlich durchgeknallter Anästhesist bekannt, der regelmäßig luftkrank wird und sich deshalb vor dem Abflug in den hinteren Teil der Kabine zurückzieht, um sich dort ungestört mit seinen eigenen Mittelchen zu betäuben. Bis über beide Ohren in eine Decke gehüllt, liegt der Mann mumiengleich auf einem der beiden Zinksärge, die ebenfalls zur Standardausrüstung des Rettungsfliegers gehören.

Der Start verläuft – abgesehen vom schlaftrunkenen Schlingern der Maschine – ohne nennenswerte Zwischenfälle. Eilig werden sie von den chronisch ungeduldigen Lotsen auf die Startbahn gedrängt, da in der ausufernden Geschäftigkeit des expandierenden Flughafens die kleineren Flieger nur ungern zwischen den Touristenbombern geduldet werden. Von geringfügigen Turbulenzen durchschüttelt, erreicht die weißgetünchte Maschine mit den überkreuzten roten Balken an der Außenseite schließlich den zugewiesenen Luftkorridor und speit gelassen, aber beständig zwei ansehnliche Kondensstreifen aus, die man seiner geringen Größe gar nicht zugetraut hätte. Die große Freiheit über den Wolken scheint erreicht. Einige Kilometer weiter unten ruht eine ab und zu zwischen den Wattewogen aufblitzende Spätsommerlandschaft. Während draußen die Welt vorbeigleitet, fixiert die dauergestreßte Crew hochkonzentriert die Armaturen im Cockpit. Besonders wichtig scheint die Kerosinanzeige zu sein – die Kondensstreifen müssen doch schließlich konstant bleiben…

An Bord herrscht seit dem Start zermürbendes Schweigen, durchbrochen nur vom Schnarchen des Anästhesisten. Und plötzlich flammt der Gedanke im Hirn des Piloten auf: ‘Ich muß hier raus, raus aus dieser künstlichen Hülle, raus aus dieser ewigen Selbstaufreibung! S-Bahn, Flieger, Doppelhaushälfte – was soll das Ganze?’ Unter ihnen nun die Alpen, die Gipfel zum Greifen nahe – ‘anhalten, aussteigen, abspringen; Notlandung, Neuschnee, Nirwana’; Pawlow läßt die Maschine absacken, hat es offenbar aufs Gipfelkreuz vom Matterhorn abgesehen. Doch geistesgegenwärtig greift Klumann in die Lenkkonsole seines Nebenmannes und fängt den Flieger kurz vor der Gletscherkante ab. “Hast du noch alle Tassen im Schrank?” fährt er Pawlow an. Dieser hängt nun apathisch im Pilotensitz, bleich wie der Schnee unter ihnen, und bleibt eine Antwort schuldig. Er hat Klumann immer schon gehaßt, diesen Systemfetischisten mit seiner Planungsneurose. ‘Keinen Raum für Spontaneität läßt einem dieser Idiot, und das Matterhorn war doch so verdammt nahe’ – in Pawlows Gehirnbahnen hagelt es nun Gipfelkreuze, die in Doppelhaushälften einschlagen und ein Massaker unter seinen Gartenzwergen anrichteten, den Türstehern vor seiner Eigenheimhölle.

Fortsetzung: Synapsenkollaps

Die Stellenanzeige

Juli 13th, 2010

Zerstreut blättert Egon K., 37 Jahre, ledig, in der Neuen Welt und landet, nachdem er lustlos einige schwachsinnige Artikel über Lamazucht und entlaufene Känguruhs gelesen hat, im Anzeigenteil… Es wäre übertrieben zu behaupten, daß er nach drei Umschulungen und fünf befristeten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen darauf brennt, seine Arbeitskraft einmal mehr auf dem Markt der mangelnden Möglichkeiten feilzubieten; aber die Bestimmungen des Sozialamtes lassen ihm keine Wahl. Und dann kommt sie: seine Stellenanzeige, maßgeschneidert für Egon K.:

Multipler Kranbaggerführer mit Hausmeistererfahrung gesucht. Entlohnung: doppelter Sozialhilfesatz. Arbeitszeit: 48 Std. / Woche. Sozial Benachteiligte bei gleicher Qualifikation bevorzugt.

Seine Chance! Schließlich hat man ihn umfassend weitergebildet: erst zum Kran-, dann zum Baggerführer und zuletzt zum Hausmeister. Jede einzelne dieser Berufsqualifikationen wird auf dem Arbeitsverwertungsmarkt natürlich schon längst als ‘schmalspurig’ betrachtet – multiple Fähigkeiten sind gefragt, Flexibilität ist das Stichwort. Der Einstellungstest soll noch am selben Tag stattfinden…

Nachdem Egon die 6-Millionen-Metropole mit dem neulich in Betrieb genommenen Villagerapid in sechzehneinhalb Minuten durchquert hat, trifft er überpünktlich (43 Sekunden vor der vereinbarten Zeit) vor Ort ein. Und los geht’s: “Herr Kranz bitte!” Egon stürzt sich in die bereitgestellte Dienstuniform und erklimmt sogleich den Kran, dessen Aufzug – nicht ganz zufällig – en panne ist (ein wenig Französisch zu können wär’ auch nicht verkehrt). Auf halber Höhe angelangt, erhält er aus der Multimediazentrale, die den Test überwacht, über die obligatorischen headphones die Anweisung, sofort wieder hinabzusteigen, da nunmehr der just in time angeforderte Smart-Bagger eingetroffen sei. Der einem Mondauto gleichende Minibagger wurde von dem anliefernden transport truck genau so abgesetzt, daß er bei der geringsten Bewegung sofort in eine der angrenzenden Baugruben stürzen würde. Es gilt, eine selbständige Entscheidung zu treffen… “Back to position one”, brüllt K. in sein Mikro, als gehe es um sein Leben. Mit Position eins ist der Kran gemeint, dessen Führerhäuschen Egon nun keuchend erreicht. Mit allem Elan setzt er den Kran in Bewegung, dessen Stahlseil nun schwungvoll über den Köpfen der Gutachter pendelt. ‘Plong’ macht es, als die Magnetplatte am Ende des Seils exakt auf das Dach des Baggers saust – genau wie die Hand Maradonnas bei jenem zweifelhaften WM-Tor, das in die Fußballgeschichte eingehen sollte. Sanft hebt K. den Minibagger in die Luft, als plötzlich das Kommando kommt “position two in position three, leave position one” – will sagen: Bagger in Hausmeisterloge klatschen, Kran verlassen und sich ins Baggerinnere schwingen. Wie’n geölter Blitz gleitet Egon am Krangerüst herab, sprintet zu den eigens für den Test errichteten Kulissen jenes Gebäudes, das an eine Kaserne erinnern soll, und hüpft elegant auf den Sitz des Baggers, den er zuvor durch das geöffnete simulierte Solardach ins Gebäudeinnere befördert hat. Hier harrt er weiteren Anweisungen.

Er harrt eine Stunde und noch eine, und nach drei Stunden bekommt er langsam taube Füße. Benommen murmelt K. in die headphones: “In position three, waiting for command.” Nichts geschieht. ‘’Ne Tasse Tee wär’ jetzt gut’, denkt Egon und kann jetzt kaum noch die Augen aufhalten vor Müdigkeit. Langsam senkt sich schon die Dämmerung eines zuende gehenden Wintertages über das offene Logendach. Auf einmal Lärm, Sektkorken knallen: Dutzende Angestellte drängen sich in der Loge und umringen den Bagger, dessen Dieselmotor K. nun reflexartig aufheulen läßt. “Sie ham’s geschafft, Sie ham’ den Job”, jubelt der Testleiter in künstlicher Euphorie und überreicht dem verdutzten K. eine Ehrenurkunde, wie Egon sie zuletzt als Schüler bei den Bundesjugendspielen gesehen hat. Unsicher auf seinen kribbelnden Füßen stehend verläßt er den Bagger, nimmt kleinlaut dankend die Urkunde entgegen und streift mühsam die Uniform ab. Dann fährt er mit einem preisgünstigen Vorortzug, der sieben Minuten länger für die Metropolendurchquerung braucht als der Villagerapid, heim und sagt – völlig entnervt von der ganzen Prozedur – den für den nächsten Tag geplanten Arbeitsantritt kaltblütig ab.

Synapsenkollaps

Juli 12th, 2010

Fortsetzung von Der Pawlowsche Mensch

Der Kondensstreifen des Rettungsfliegers am Alpenhimmel ist ungebrochen. “Bis Palma bleibst du auf deinem dämlichen Sessel sitzen und rührst keinen Finger mehr, verstanden?” brüllt Klumann. “Verstanden”, gibt Pawlow dumpf zurück. ‘Finger ist ein gutes Stichwort’, sinniert er vor sich hin. Ein Kollege, der inzwischen mit Mitte Vierzig wegen chronischen Jetlags in der Klapse gelandet ist, hatte ihm einmal seine Theorie aufgedrängt, daß dieser Job genauso idiotisch sei, als wenn man sich täglich selbst mit dem Hammer auf den Daumen schlüge, um den Schmerz vom Vortag zu übertünchen. Ständig diese absurden Rückholflüge durchgeknallter Touris, die nach dem siebten Eimer Sangria vom Hocker gekippt sind. Sollen sie doch in irgendeinem mallorcinischen Krankenhaus dahinsiechen – Pawlow hat es so satt, so verdammt satt. ‘Trotzdem bin ich ein guter Pilot’, denkt er, ‘ein verdammt guter sogar’.

Als der entmachtete Flugkapitän eine Stunde später wegen guter Führung die Bordtoilette besuchen darf, kommt ihm die zündende Idee, wie der verkorksten Situation zu entfliehen sei – ein kurzer Abschiedsbrief ist schnell geschrieben und neben die Luke zum Laderaum gelegt. Etwas größere Schwierigkeiten bereitet es allerdings, den betäubten Anästhesisten in den Zinksarg zu hieven, aber auch das gelingt; und nun liegt Pawlow obenauf, wolldeckenumhüllt und wohlwissend um seinen genialen Coup. Als seine Abwesenheit kurz nach Beginn des Landeanflugs bemerkt wird, ist es schon zu spät – festgeschnallt harrt das Team im Cockpit dem Landeaufschlag, der unter Klumanns Regie diesmal einen Tick härter ausfällt als gewöhnlich: Auch der Anästhesist im Zinksarg macht sich polternd bemerkbar, scheint aber dennoch nicht erwacht zu sein. Qualmende Gummireifen küssen quietschend die Rollbahn, und bald werden sie kommen und die Maschine durchforsten, Klumann und die Ärzte. Und unten im Sarg macht wieder der Anästhesist auf sich aufmerksam, diesmal röchelräuspernd. ‘Gleich ist alles aus’, denkt Peter Pawlow, kälteschauerspasmendurchzuckt.

Doch dann geschieht Unerwartetes: Extatisches Johlen aufgeputschter Menschenmassen dringt in die Kabine, wie trockene Maschinengewehrsalven knallen Techno-Rhythmen übers Rollfeld. Mallorcinische Party-Zombies scheinen sich des Flughafens bemächtigt zu haben, ganz Palma scheint auf Koks zu sein. Während die Cockpit-Besatzung paralysiert auf die Airport-Loveparade hinabblickt und handlungsunfähiger scheint als es irgendeine deutsche Bundesregierung jemals gewesen ist, ergreift der entmachtete Pilot die Gelegenheit und seine Decke, knackt die Verriegelung des Notausstiegs auf und gleitet über eine aufblasbare Rutsche aufs Rollfeld. Mit wehender Wolldecke traumgleich entschwebend, verschmilzt er mit der wabernden Menge und wird fortgerissen von der rasenden Menschenlawine.

Als wenige Stunden später Pawlows Abschiedsbrief gefunden wird und der erinnerungslose Anästhesist, dessen Abtauchen ins Zinksarginnere auch für den Systematiker Klumann unerklärlich bleibt, aus seinem Schlafplatzgefängnis befreit wird, ist Pawlow längst ins Nirwana der Spaßkultur eingegangen. Durch seine Gehirnbahnen hageln blutrote Gipfelkreuze, Gartenzwerg-Garnisonen zerstäubend. Grell gleißendes Matterhorn im weißglühenden Kokskleid, verkohlte Flughafengebäude stürzen ins Meer, Landeaufschlagtrauma, das Schweizer-Uhren-Imitat steht still – ‘nächster Halt: Bochum-Eeeehrenfeld’, das Band ist gerissen; kometenhagel-zerfurchter Synapsenkollaps – – – traumloser Schlaf.

Seiltanz

Juli 11th, 2010

Das Stahlseil spannt sich zwischen den Doppeltürmen des Luxushotels, 40 Meter über dem Asphalt. Etwas unbeholfen umkrampft Egon K. jene Stange, die bei seiner ungesicherten Wanderung zwischen den wuchtigen Türmen der einzige Strohhalm ist, an dem er sich festkrallt: eine rot-weiß-gestreifte Schranke, stibitzt von jenem inzwischen toten Bahnkörper, an dem seine Dienste als Schrankenwärter schon lange nicht mehr gefragt sind. Unter ihm die lärmende Masse: Einige kreischen, andre stoßen frenetisch in ihre Trillerpfeifen, um ihn anzustacheln. Noch zögert er. Soll er seinen Körper wirklich dem vielköpfigen Ungeheuer unter ihm zum Fraß vorwerfen? Egal – auf seine Schwindelfreiheit ist wohl Verlaß, und immerhin winkt ein Fensterputzeraushilfsjob, das hat ihm der Eventmanager persönlich zugesagt. Gerade eben trifft eine Abordnung der Gewerkschaftsjugend ein, Egon aufmunternd zujubelnd. Überall die hellroten Fähnlein, farblich passend zur Schranke – welch ein Bild! Egon lächelt verlegen.

Ohne es wirklich zu wollen, tut er plötzlich den ersten Schritt. Wie viele Alpträume haben ihn nicht nächtelang gepeinigt, diesen Augenblick zum Eintritt ins Fegefeuer stilisierend? Ungleich schwerer fällt der zweite Schritt. Von augenblicklichen Zweifeln geschüttelt, hält Egon inne. Das anfängliche Johlen der Hydra in der Hochhausschlucht weicht angespanntem Schweigen. Man könnte eine Bahnschranke fallen hören. Auf einmal ein gewaltiges Pfeifen und Zischen: Um die peinliche Stille zu übertönen, dröhnt plötzlich die Geräuschkulisse eines Werbespots für den Villagerapid durch die Schlucht, der mit Höchstgeschwindigkeit über einen Großbildschirm zwischen den Doppeltürmen donnert. Als die virtuelle Magnetbahn ausgeschwebt hat, blinkt in grellen Buchstaben eine kleine Aufmunterung über die Leinwand: EGON GO, heißt es da in Riesenlettern. Wie in den Ntv-Nachrichten zittern darunter die aktuellen Börsendaten über den Bildschirm. Es folgt das Wettbarometer: 66 % der befragten Schaulustigen zwischen den Twintowers glauben, daß Egon es schaffen wird bis zum zweiten Turm, ein Viertel tippt auf Absturz – der Rest ist unentschlossen… Er macht den zweiten Schritt und steht über dem Abgrund.

Nach einer guten Stunde hat Egon ein Fünftel der Strecke zurückgelegt und tritt aus dem Schlagschatten des ersten Hotelturms. Die ersten Zuschauer sind schon abgewandert; vereinzelt heulen Kinder. Zitternd umkrampft er die Bahnschranke – an Umkehr ist nicht mehr zu denken. Das Wettbarometer zeigt nun ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Optimisten und Skeptikern. Offenbar um für einen Heiterkeitsschub zu sorgen, tritt jetzt der als Schrankenwärter verkleidete Eventmanager aufs Dach des zweiten Turms hinaus und brüllt in ein Megaphon: “GO EGON! Du schaffst das! Und immer schön die Schranke festhalten!” Als Egon der gegenüberliegenden Fassade einen etwas genaueren Blick widmet, traut er seinen Augen nicht: Eine ganze Hundertschaft Fensterputzer in blauen Dienstuniformen gleitet im Takt die Hotelfenster auf und ab, wohl um ihm Mut zu machen. Dazu dröhnt ein Schlager von Kylie Minogue über die Köpfe der Hydra hinweg – den Song hat er irgendwann schon mal gehört, in ‘nem Video für oder gegen irgendwas, reproduktives Klonen von Arbeitskräften war’s wohl. Die Abendsonne senkt sich zwischen die Türme.

In der dritten Stunde erreicht Egon die Mitte des Seils. Seine Durchschnittsgeschwindigkeit auf dem Großbildschirm beträgt 9 Meter pro Stunde, will sagen 0,009 km/h. Gänzlich gekippt ist nun das Wettbarometer: Nur noch 7 % der Befragten glauben an Egons glorreiche Ankunft, während 88 % offenbar ein blutiges Ende herbeiwetten wollen. Der Rest enthält sich. Beunruhigend sind auch die anderen Daten auf der Leinwand: Die Börse kennt heute keine Gnade, schon seit Stunden rauscht der Dax in die Tiefe, verliert über zweitausend Punkte, befindet sich in freiem Fall. Das ist zuviel für das geplagte Publikum – alles, was irgendwie mobil ist, flieht Richtung Ausgang; nur angeleinte Hunde und einige Kinderwagen bleiben zurück. Auch der Eventmanager ist abgetaucht, und selbst das Fensterputzer-Ballett und die offenbar ebenfalls börsenspekulierende Gewerkschaftsjugend sind verschwunden. Der Platz ist wie leergefegt. Unter Egon aber spannt sich nun ein breites Feuerwehrsprungtuch. Man glaubt nicht mehr an ihn.

Plötzlich ein grelles Gleißen: grüne, rote, gelbe Blitze wechseln sich ab, Kanonenschläge dazwischen. Wild fahren Leuchtraketen durcheinander, das Hotelgelände scheint in Flammen zu stehen. Auch die desertierten Feuerwerker besitzen wohl Aktien – der Finanzmarkt frißt seine Kinder, Börsenkrach-Kollateralsalat. Ein Wunder, daß zumindest die Feuerwehr bleibt, denkt Egon noch, als unter ihm plötzlich das Sprungtuch zu Boden fällt und die Jungs zu den Spritzpumpen eilen: Der Schutz des kostspieligen Hotelbaus sei schließlich wichtiger als die Rettung dieses durchgeknallten Seiltanz-Idioten, hört er noch den Kommentar eines Uniformierten.

Egon umkrallt die Bahnschranke. Irgendwie muß er dieses Ding loswerden, bevor es ihn endgültig in die Tiefe reißt. Nach inzwischen über vier Stunden ist das Gerät einfach nicht mehr zu halten. Doch dann ist er auf einmal nicht mehr allein: Vorsichtig hangelt sich ein offenbar aktienloses Dutzend Fensterputzer an ihn heran. Wie Skiliftbügel sind die Mini-Fensterputzaufzüge auf das Stahlseil gehängt, und einer nach dem andern robbt zu ihm. Egon K. wird geborgen – samt Bahnschranke, die sicherlich bestimmt irgendwann ihren Platz auf der nächsten Documenta in Kassel finden wird, gleich neben Jonathan Borofskys Skulptur Man walking to the sky.

Der Held von Hamme

Juli 10th, 2010

Die Samstagnacht fällt schwärzer aus als sonst an der Ruhr. Menschen fliehen in Panik durch die Straßenschluchten, nichts geht mehr, einige stürzen in den Fluß. Tote und Verletzte aber bleiben aus, und im Bergmannsheil gelingt gar eine Lebertransplantation bei Notbeleuchtung. Der blackout in weiten Landesteilen, angeblich verursacht durch eine umgestürzte Pappel im Sauerland, kommt jedoch keineswegs überraschend: Nach der Privatisierung des Elektrizitätsnetzes gibt es offenbar noch einige Abstimmungsprobleme mit den Forstbehörden.

Die Energieversorgung im Ruhrgebiet müsse daher autark gesichert werden, heißt es in Verwaltungskreisen, und Bochum soll als Testort dienen. Das Prinzip des zugleich arbeitsmarktstimulierenden Wettbewerbs workout against blackout ist umwerfend einfach: Sämtliche Erwerbslosen sollen an zentralen Plätzen in den einzelnen Stadtvierteln zusammengezogen werden, um den Nachweis anzutreten, daß zur Aktivierung erneuerbarer Energiequellen keineswegs nur auf Wasser, Wind und Sonne zurückgegriffen werden muß. Stromerzeugung soll endlich an der Basis der Gesellschaft organisiert werden – denn auch für eine umweltschonende Energieversorgung müsse künftig gelten: Im Mittelpunkt steht immer der Mensch.

Binnen weniger Wochen werden auf Parkplätzen und Märkten riesenhafte Installationen errichtet, deren verblüffende Ähnlichkeit mit überlebensgroßen Hamsterrädern nicht ganz verleugnet werden kann. Um diese Maßnahme zu popularisieren, gilt es, den Öko-Aspekt besonders hervorzuheben – daher knüpft die anstehende PR-Kampagne an die Tradition autofreier Sonntage an. Außerdem startet der workout against blackout zu Beginn der wärmeren Jahreszeit, um zumindest den Anfangselan der Wettbewerbsteilnehmer auf hohem Niveau zu halten. Auch will die um einen Image-Wandel bemühte sozialdemokratische Klientel bedacht sein – Gott sei Dank fällt der 1. Mai 2011 auf einen Sonntag…

Schon am Vorabend kennt die Kreativität keine Grenzen: Beim Tanz in den Mai wird diesmal nicht um dürre Stangen gehüpft, sondern um die gigantischen Stromerzeugungsinstallationen. Für den dauerarbeitslosen Mittdreißiger Egon K. verläuft dieser letzte Aprilabend ebenfalls etwas anders als gewohnt. Heute will er es endlich allen zeigen: Zum Hausmeister, Kranführer oder Fensterputzer hat es eben nicht gereicht – geschenkt; diesmal aber will er sich richtig ins Zeug legen – schließlich geht es hier nicht um irgendeinen beliebigen Job, sondern um die Zukunft der Stadt! Nachdem schon das kommunale Kanalisationsnetz nach Übersee verschachert worden ist, darf nun nicht auch noch die Stromversorgung dran glauben – wo soll das alles sonst noch enden?

Ab 23 Uhr ist Anmeldung. Mitmachen dürfen nur Volljährige, die im jeweiligen Stadtteil gemeldet, nicht vorbestraft und nachweislich erwerbslos sind. Egon ist einer der ersten beim Bewerber-Check in Bochum-Hamme. Lange wird sein Gesicht mit dem Lichtbild im Personalausweis verglichen, das polizeiliche Führungszeugnis gemustert und der Erwerbslosennachweis überprüft. Dann muß er noch einige Probeminuten auf einem Laufband absolvieren, um seine Tauglichkeit für eines der fünf Hamsterräder zu testen: ´T1` gemusterte kommen ins schnellste Rad, ´T5er` ins langsamste. Egon schafft T1. Man läßt ihn ins Turbo-Rad.

Um Punkt 0 Uhr soll es losgehen. Egons große Stunde ist gekommen – er zittert vor Anspannung. Neben seinen über zwanzig Mitstreitern spürt er, daß es auf jeden einzelnen ankommt: Alle müssen alles geben, um die Provinzmetropole in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Dieser Strom würde ein anderer sein als der aus der Steckdose – in jeder Kilowattsekunde würde die geballte Muskelkraft der Erwerbslosen liegen. Die Werbeslogans für den Wettbewerb schießen Egon durch den Kopf: Workout against blackout – solidarisch, ökologisch, gesund.

Um Mitternacht dann endlich der Startschuß: Auf sämtlichen hamsterradbestückten Plätzen der Stadt geben die Teilnehmer nun Vollgas, lassen den Tiger aus dem Tank und traktieren wie besessen die Laufradsprossen. Zunächst läuft alles wie geschmiert – außer in Langendreer, wo Unbekannte einen Anschlag auf das Leitungsnetz verüben: Kurzschluß im Verteilersystem, Kabelbrand, keine Ersatzteile da, Langendreer ist dunkel.

Als nächstes gehen im Bochumer Süden die Lichter aus: Schon nach zwei Stunden können nicht mehr alle Räder besetzt werden – zuerst müssen einzelne Straßenzüge in Stiepel abgeschaltet werden. Selbst die größten Optimisten dürften nun einsehen, daß der Nobel-Vorort offenbar unter zu geringer Erwerbslosigkeit leidet – ein unhaltbarer Zustand, der wohl dringender Änderung bedarf. Gegen 3 Uhr ist es ganz vorbei, und nur das Kloster ist noch beleuchtet, da die Mönche mit den Stadtwerken offenbar eine Sondervereinbarung ausgehandelt haben. Um halb vier ist in Sundern Schicht im Schacht, und sogar in der Sternwarte wird es vollkommen finster.

Als auch der Rest der Stadt beinahe ausnahmslos verdunkelt ist und selbst das Mitte der 70er widerwillig eingemeindete Wattenscheid nach zähem Ringen kapituliert, bleibt nur noch ein Stadtteil erleuchtet: Hamme. Egon schwitzt und rackert, und selbst als die Sonne schon hoch am Himmel steht, strampelt er weiter im Turbo-Rad. Alle sind sie jetzt da: Wildzeitungspaparazzi und RTL-3-Fuzzis, Lokalradio-Schnösel und private Webcam-Betreiber. “Egon”-Rufe hallen über den Platz, Dead Bull hat einen Werbestand aufgebaut und versorgt den neuen Star mit Gratisgetränken. Auf einer improvisierten Bühne hält der Bezirksvorsteher eine spontane Mai-Ansprache, in der Egons Durchhaltewille gewürdigt wird. Ein neuer Typus aktiver Erwerbslosigkeit sei geboren, ein Durchbruch in der Arbeitsmarktpolitik gelungen – mit Vorbildfunktion fürs ganze Land – et cetera, et cetera: Der anbrechende Tag gehört Egon.

Am Abend jedoch ist der Platz beinahe verwaist. Nur noch ein Kameramann von Arte harrt bis 24 Uhr aus. In allen Straßen brennt wieder Licht. Egon aber rennt weiter.

Er rennt – allein.

Tomatodrom

Juli 9th, 2010

12 Uhr mittags. Über der Ruhrstadt-Metropole brennt die Sonne. Eine schwarze Limousine mit abgetönten Scheiben nähert sich schleichend den abgewrackten Werkshallen des Gelsenkirchener Vereins und stoppt vor den verrosteten schmiedeeisernen Toren. Ein Volonteer im Stahlarbeiter-Outfit kraxelt mit etwas eckigen Bewegungen die brüchige vereinseigene Freitreppe hinab und stolpert auf die Limousine zu. Schwupps – beinahe hätte er mit seinem Stahlarbeiterhelm das kugelsichere Fenster der Beifahrertür gerammt, kriegt aber gerade noch den Türgriff zu fassen, als er kopfüber in die Scheibe einzuschlagen droht. „Grade nochmal gutgegangen“, schießt es ihm durch den behelmten Schädel. Dann erst wird dem freiwilligen Stahlmann bewußt, daß der Griff nicht mehr an der Tür klebt, sondern nun wie ein mittelkalibriges Schießeisen in seiner fleischigen Pranke liegt. Linkisch lächelt er in die hektisch klickenden Kameras, die der Eröffnungszeremonie der Kulturmetropole Ruhr 2011 beiwohnen. Um seine Verlegenheit zu überspielen, schwenkt er plötzlich die geballte Faust mit dem Türknauf übers Autodach und winkt in die Menschenmenge, die sich erwartungsvoll vor der Guten-Hoffnungshütte auf Schalke zusammengerottet hat.

Nach dem Flopp des Vorjahrs, als eine private GmbH bei dem Versuch, das Ruhrgebiet als „Kulturhauptstadt Europas“ zu promoten, gnadenlos pleite gegangen war und nur durch die Gründung einer Bad-GmbH mit Steuergeldern in mehrstelliger Millionenhöhe gerettet werden konnte, soll nun alles besser werden. Schließlich hat man aus den Fehlern der Vorzeit gelernt: Auch Künstler arbeiten jetzt ausschließlich unbezahlt als Volonteers und dürfen im Gegenzug den Titel „Held der Ruhrstadt“ tragen. Unter ihnen auch Egon Kranz, der sich sein „Held der Ruhrstadt“-Abzeichen, das einem schippenden Baustellenmännchen auf dreieckigen Verkehrswarnschildern nicht ganz unähnlich ist, ins Revers seiner Dienstuniform gesteckt hat. Über dem Uniformkragen trägt er ein blaues Halstuch, das er nun mit der freien Hand abstreift, um es ebenfalls wie eine Trophäe über dem Autodach zu schwenken. „Pionerski galstuk“, brüllt ein begeisterter russischer Ruhrstadt-Besucher aus vollem Hals über den Vereinsvorplatz. Das soll wohl so viel wie „Pionierhalstuch“ oder auch „Pioniertat“ heißen, wie sich Egon aus DDR-Zeiten gerade noch erinnern kann. Ein vages Gefühl romantischen Pathos steigt in ihm auf, als er über das schwarze Limousinendach unablässig in die begeisterte Menge winkt – bis er endgültig vergessen hat, welche Rolle im Eröffnungsspektakel ihm eigentlich zugedacht war: Fred Pleitemann mit einem eleganten, aber entschlossenen Türschwenk aus der Karosse zu helfen und vor den Augen der Weltöffentlichkeit mit ausladend-theatralischem Gestus den dramaturgisch exakt durchgeplanten Händedruck zu vollziehen – einen feierlichen Handschlag zwischen bankrottem Großkapital und Umsonstarbeit: Pleitemann und Kranz – Hand in Hand, gekrönt vom Bruderkuß als Sahnehäubchen, die Versöhnung von Postkapitalismus und Prekariat; das sollte es sein, was die Menschen angeblich sehen wollten.

Nun aber sehen sie einen halstuch- und türgriffschwenkenden, als Stahlarbeiter verkleideten Volonteer-Schauspieler, der plötzlich und unerwartet von einem Rudel Polizisten in Kampfmontur vor laufenden Kameras aus seiner kopflosen Euphorie heraus mitten aufs steinharte Pflaster der Ruhrstadt-Realität geknallt wird, während ein auf dem Beifahrersitz der Luxuslimousine zusammengekrümmter Pleitemann angewidert den Blick abwendet, als Egons Blut über den Fabrikvorplatz spritzt. Von entschlossenen Bullenpranken wird der vermeintliche Aktivist in die den Platz umsäumenden Büsche gezerrt, wo die Ordnungshüter sogleich die Knüppel zücken. Doch bevor der erste Schlag Egons geschundenen Körper trifft, halten die Beamten plötzlich inne: LUFTALARM! Ja, tatsächlich – Fliegersirenen heulen aus heiterem Himmel über Schalke auf, als der Platz auch schon in ein sonores Summen getaucht wird. Der größte fliegende Doppeldecker der Welt, eine Antonow AN2, brummt plötzlich über den Köpfen der jäh erstarrten Menge und wirft einen dunklen Schatten auf das bröckelige Jugendstilportal der Werkshallenfront. Dann die ersten Einschläge: Rapp-rapp-rapp – mit mechanischer Taktung zerplatzen die ersten Geschosse in maschinengewehrgleichem Rhythmus auf dem Kopfsteinpflaster, wo sich rasch rotgefärbte Pfützen bilden. Panisch betätigt Pleitemanns vom Essener Grill-Theater rekrutierter Volonteer-Chauffeur den Knopf der Schiebedach-Schließanlage, um zumindest vor umherfliegenden Munitionssplittern einigermaßen geschützt zu sein. Doch dann der erste Volltreffer: Platschend trifft das Projektil die Pleitemann-Limousine und bahnt sich durch das etwas zu langsam schließende Dach seinen Weg ins Wageninnere, um mitten auf dem Amaturenbrett zu zerplatzen. Aufheulend schlägt Pleitemann die Arme vors Gesicht, die sogleich von einer roten Schicht überzogen werden – im gleichen Farbton wie der Platz draußen. Immer wieder heulen die Propeller der Maschine über dem Werksgelände auf, und unbarmherzig entleert sich die Flugzeugfracht aus dem Bauch der frisch aus dem Hangar eines privaten Rundflugveranstalters entwendeten Antonow, die nun immer wieder zum Sturzflug ansetzt, während die Erstarrung langsam aus der Menge weicht und ungläubigem Erstaunen Platz macht: Zielgenau setzt der Pilot namens Peter Pavlow seine zentnerschwere Fracht immer wieder über der gepanzerten Luxuskarosse ab, deren Schwarz allmählich blutigem Tomatenrot weicht. Verzweifelt versucht der Grill-Theatermann in seiner durchgeschwitzten Chauffeursverkleidung immer wieder, den Wagen zu starten, so lange seine zitternden Finger den Zündschlüssel noch umbiegen können. Doch es ist schon zu spät: Nach einem kurzen Glucksen erstickt der Motor unter der bereits zentimeterdick von der wabernden roten Masse überzogenen Haube.

Genüßlich drückt Pavlow den Pilotenknüppel nach unten und öffnet im Sturzflug die Ladeluke. Nach der Ouverture des Maschinengewehrhagels mit frischgepflückten Cocktailtomaten und dem Crescendo aus mittelgroßen Strauchtomaten-Streubomben, deren intensive Färbung einen wunderbar rotfunkelnden Akzent auf dem ehmals mattschwarzen Limousinendach setzen, nähert sich das Bombardement seinem Höhepunkt: Krachend setzt Pavlow zum finalen Schlag an und entläßt kistenweise Fleischtomaten-Luftmienen verschiedener Farbtiefe auf das Schalker Vereinspflaster. Virtuos zeichnet er auf dem Pflaster einen Flickenteppich aus abwechselnd hell- und tiefroten Segmenten, die sich nach und nach für alle erkennbar zum Logo der Kulturmetropole formieren.

Das Tomatodrom Ruhr 2011 ist eröffnet!

Katakombenbrand. Ein moralischer Monolog ohne Moral

Juli 5th, 2010

Die Bühne ist abgedunkelt. Ein Arbeiter im Blaumann sitzt an einer Werkbank mit Schemel. Im Bühnenhintergrund befindet sich eine quadratische Tafel mit Verhaltensregeln im Brandfall, daneben ein Sicherungskasten. Auf einem Stuhl in der ersten Reihe im Zuschauerraum liegt ein Feuerwehrhelm. Unter dem Sitz ist ein Megaphon sowie ein präpariertes Schild auf die Erde gelegt, dessen Beschriftung dem Boden zugekehrt ist.

Gedämpft: Ich bin Meister. 1-Euro-Hausmeister. In den Katakomben zu Essen.

Er entzündet mit einer viel zu langen Feuerzeugflamme eine Kerze.

Aufbrausend: Nicht einmal eine Kerze kann man heutzutage anzünden, ohne daß man gleich an eine Feuersbrunst denkt – das ist ja widerlich! Aber lassen Sie es sich gesagt sein: Niemand hat die Absicht, einen Anschlag zu verüben – ich muß Strom sparen, das ist alles!

Gelangweilt lehnt er sich zurück und entfaltet eine Tageszeitung.

Ruhiger: Der Ölpreis ist diese Woche schon wieder gestiegen, um 7 Zent das Barrel! Abschätzig: Barrel. Bar-rel. Brrr…. Die Zeitung wegwerfend: Na wenn schon – mir soll’s recht sein. Sich gähnend erhebend: Ich bin müde.

Eine Turmuhr schlägt null. Zeit für die Nachtzigarre… Zündet sich umständlich eine Zigarre an. Über die Tabaksteuer braucht man wohl kein Wort zu verlieren. An irgendeinem Radioknopf drehend: Mal hören, welchen Krieg ich gerade mit meiner Qualmerei finanziere…

Radiostimme: Bochum. Unbekannte verübten heute einen Brandanschlag auf das örtliche Schauspielhaus. Das während einer Aufführung von Moritz Rinkes ‘Die Optimisten’ im Bühnenraum gelegte Feuer konnte jedoch nach kurzer Zeit gelöscht werden. Es handelt sich hierbei bereits um den zweiten Anschlag auf eine Kulturstätte der Ruhrstadt innerhalb einer Woche. Nach dem Benzinbombenattentat bei einer Vorstellung des Erfolgsmusicals ‘Starlight Express’ am vergangenen Donnerstag ist eine Fortsetzung der Anschlagserie auf Kulturveranstaltungen in der Ruhr-Region zu befürchten. Bei beiden Attentaten kamen jedoch keine Menschen zuschaden. Insgesamt entstand ein Sachschaden von rund 150 000 Euro. Aus Polizeikreisen verlautbart, daß von mehreren Tätern derselben Organisation auszugehen sei. Über ihre Motive gibt es bislang noch keinerlei Anhaltspunkte. Kurze Pause. Soeben erreicht uns eine weitere aktuelle Meldung: In einem Essener Theater soll es in den letzten Minuten zu einer Geiselnahme gekommen sein. Näheres ist jedoch zur Stunde noch nicht bekannt.

Der Hausmeister verliert vor Verblüffung seine Zigarre und stellt, bevor er sie wieder aufhebt, mit energischer Geste das Radio ab.

Schon wieder ein Brandanschlag. Aufhängen sollte man diese Bande! Er schlägt mit der Faust auf den Tisch. Sofort aufhängen! Steht auf und läuft in der Werkstatt umher. Betätigt einen Schalter im Sicherungskasten, worauf das Bühnenlicht angeht. Einfach so ein Feuer zu entfachen, nur weil einem das Stück nicht gefällt. Mann in Feuerwehruniform betritt den Zuschauerraum und beginnt, etwa zwei Dutzend Feuerzeuge an die Zuschauer in den ersten Reihen zu verteilen. Einfach nur so! Schüttelt auf-und-ab-gehend den Kopf. Ich dagegen, ICH zögernd hätte wenigstens einen Grund gehabt, so was zu tun. An dem Tag, als dieses Schreiben in meinen Briefkasten flatterte, dieses lautstark aufbrausend irre Schreiben! Meine Wohnung sei 2,75 Quadratmeter zu groß, ließ mich diese ironisch ‘Agentur für Arbeit’ wissen, 2,75 m² zu groß! Ich müsse mich umgehend um eine neue Bleibe bemühen, hieß es, eine neue Bleibe, die für einen durchschnittlichen Hartz-Empfänger bezahlbar sei. Pah! Seit dem 12. September wohn’ ich hier, an meinem 1-Euro-Arbeitsplatz in der Theaterwerkstatt. Wandert in der Werkstatt umher und bleibt vor einem quadratischen Schild stehen. Was ham’ wir den hier? Ironisch: FLUCHTPLAN FÜR NOTFÄLLE. VERHALTEN IM BRANDFALL… 12-Ton-Musik Arnold Schönberg setzt ein. Zu allererst: R u h e b e w a h r e n . Hört, hört! Folgende Maßnahmen sind zu ergreifen: Erstens – Feuer melden; klingt logisch… Nächster Feuermelder: siehe Plan. Sucht den Plan ab. Telefon: 112. Meldung machen: Wo brennt es? Was brennt? Sind Menschen verletzt oder in Gefahr? Zweitens – Menschen retten: Gefährdete Personen warnen, Hilflose mitnehmen. Er wendet sich grinsend zum Publikum und dreht sich langsam wieder um. Drittens – bei Brand an elektrischen Geräten: Strom abschalten! Lacht.

Der Haumeister legt zweimal im neben dem Schild befindlichen Sicherungskasten einen Schalter um. Die Bühnenbeleuchtung geht aus und wieder an. Unterdessen hat der inzwischen beschäftigungslose Feuerzeugverteiler auf dem freien Sitz in der Mitte der ersten Reihe platzgenommen und sich den dort abgelegten Helm aufgesetzt.

Aha. Viertens – Brand bekämpfen! Nächster Feuerlöscher: siehe Plan. Er sucht erneut den Plan ab. Fünftens – Feuerschutzabschlüsse, Türen und Fenster schließen. Militärisch: Sechstens – An-griffs-wege für die Feuerwehr frei-hal-ten! Dadaistisch kopfzuckend und mit ruckartigen Armbewegungen schnellsprechend: Siebtens – Feuerwehr einweisen. Achtens – Anweisungen der Einsatzleitung befolgen. Wie irre: Neuntens – bei drohender Gefahr: Gefahrenbereich verlassen, Behinderten helfen, keine Aufzüge benutzen; kurzzeitig wieder scheinbar ruhig: Wie soll das denn gehen? Wieder wie im Wahn: Sammelplätze aufsuchen. Und vor allem: R u h e b e w a h r e n ! – R u h e b e w a h r e n ! Die Schönberg-Musik ebbt langsam ab.

Kopf- und achselzuckend auf der Bühne umherirrend, sich schließlich auf die Werkbank setzend: Ich… habe wirklich und wahrhaftig versucht, Ruhe zu bewahren – damals, als die Umsiedlungsverfügung der Arbeitsagentur in meinen Briefkasten gebombt wurde. Aufbrausend, mit wirrem Blick ins Publikum starrend: Ich habe es wirklich versucht! Matt: Bis es eines Abends gebrannt hat. Wieder lauter: Ja, genug ist genug. Weiß der Henker, warum plötzlich alles in Flammen stand, und ich war nicht mal brandschutzversichert! Und dann, dann bin ich durch die Stadt gerannt, umhergeirrt durch das Häusermeer, bis zum frühen Morgen. Danach begann schon die Schicht, hier in dieser Theaterwerkstatt. War ganz nett – 1 Euro die Stunde, Kaffee umsonst. Ich beschloß, gleich ganz hierzubleiben. Seitdem wohn’ ich in der Werkstatt, schlafe auf dem Boden. Er macht eine wegwerfende Handbewegung. Das bin ich von Jugend auf gewohnt. Mein Vater war Kokereiarbeiter – da konnten wir uns nach dem Krieg gerade mal ein paar Decken leisten – an ein Bett war nicht zu denken. Er nimmt wieder die zusammengefaltete Zeitung zur Hand und liest laut: Über 1 000 tote amerikanische Soldaten im Irak – Bush fordert Truppenaufstockung. Knüllt die Zeitung zusammen und wirft sie in die Ecke. Die meisten Leute heutzutage glauben nicht an Brandprävention, sondern an die Feuerwehr!

Erst jetzt fällt dem Hausmeister auf, daß seine Zigarre, die er die ganze Zeit in der Hand gehalten hat, längst erloschen ist. Der Feuerwehrmann erhebt sich, wendet sich mit einem hochgehaltenen Schild mit der Aufschrift FEUER, BITTE! dem Publikum zu, während er zugleich mit der anderen Hand selbst ein Feuerzeug betätigt und brennend in die Luft hält.

Der Hausmeister tritt an den Bühnenraum heran. Schwärmerisch: Daß es das noch gibt heutzutage: Lichter der Hoffnung – Menschlichkeit!

Er läßt sich von einem Zuschauer Feuer geben, nimmt einen tiefen Zug, nickt dankbar und kehrt dann an die Werkbank zurück.

Musik: EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN.

Nach einigen Takten winkt der Feuerwehrmann ab wie ein Dirigent nach dem Finale. Die Feuerzeuge erlöschen nach und nach, auch der Feuerwehrmann nimmt wieder platz.

Kurz: Stille. Dann ertönen Geräusche von oben, als würden Möbel gerückt. Der Hausmeister blickt irritiert ins Publikum: Was ist das? Merkwürdig. Als würden Fässer gerollt oder so. Kurze Pause. Das Gerücke und Gerolle geht weiter. Stimmen sind zu hören, offenbar werden lautstark irgendwelche Weisungen erteilt. Na, was proben die denn da oben für ein wildes Stück? Gereizt schaltet der Hausmeister wieder das Radio an.

Radiostimme: Die aktuelle Entwicklung erscheint äußerst bedenklich: Die Lage hat sich inzwischen geradezu dramatisch zugespitzt, der Bundesgrenzschutz hat das Theater vor einigen Minuten komplett abgeriegelt; soeben sind Anti-Terror-Einheiten in Stellung gegangen. Im Zuschauerraum befinden sich etwa 15 schwerbewaffnete, vermummte Männer und Frauen, die etwa 200 Besucher in ihrer Gewalt haben. Angeblich ist es den Tätern außerdem gelungen, etwa ein Dutzend Fässer hochexplosives Flugzeugbenzin ins Haus zu schleusen, womit sie das Gebäude in Brand setzen wollen, sollte es von den Spezialeinheiten gestürmt werden. Über die weitere Entwicklung werde ich Sie auf dem Laufenden halten und gebe einstweilen zurück ins Funkhaus.

Wütend dreht der Hausmeister das Radio ab.

Aufgebracht: Es scheint wirklich wahr zu sein: Brandstifter, Terroristen – in unserer Stadt! Ich halte das nicht mehr aus! Es ist zum verrückt werden, zum komplett durchdrehen! Ich meine, na klar – ich hätte meine eigene Bude gut und gerne selber anzünden können, als dieser Räumungswisch eintrudelte. 2 ¾ Quadratmeter zu groß soll meine Wohnung gewesen sein – OK, hätte ich die Besenkammer abgefackelt, wär’ mir der Auszug vielleicht erspart geblieben. Bevor ich aber überhaupt erst drauf hätte kommen können, ist mir irgendein Idiot im Haus zuvorgekommen und hat gleich die ganze Hütte niedergebrannt. Mußte wohl auch raus aus seiner Wohnung und wollte lieber warm umziehen, das Schlitzohr – war im Gegensatz zu mir sogar versichert… Na schön. Aufbrausend: Aber wenigstens hätte der pyromane Pisser vorher mal bei mir anschellen können und fragen, wie das bei mir aussieht!

Es rumpelt wieder von oben, diesmal stärker.

Erst ängstlich, dann gelassen: Verdammt nochmal, da scheint’s ja richtig zur Sache zu gehen. Na ja, wird schon nichts Ernstes sein. Der neue Intendant soll angeblich so ein Fable fürs Realistische haben. Komischer Kauz übrigens…

Jetzt sind Schüsse zu hören.

Kurze Pause.

Auf einmal zitternd: Verdammt, diese Verbrecher werden doch nicht am Ende… ausgerechnet hier aufgeschlagen haben?!? Ich meine, es gibt doch bestimmt Theater, die sich wesentlich besser für so was eignen würden – Herrgott, ich sollte wirklich mal nachsehen. Will gehen, stockt dann aber mitten in der Bewegung, als er einen gellenden Schrei vernimmt. Oder lieber doch nicht…

Schreitet eine Zeitlang unentschlossen gestikulierend die Werkstatt ab.

Scheinbar über sich selbst verärgert innehaltend: Verdammt nochmal, kann man eigentlich an nichts anderes mehr denken in dieser Welt? Das ist ja zum Verrücktwerden, die ganze Zeit sinniert man nur über irgendwelche Brandstifter!

Der Feuerwehrmann erhebt sich wieder von seinem Sitzplatz und hebt die Hand, als wolle er etwas sagen.

Der Hausmeister, wieder aufbrausend: Zum Verrücktwerden! Den Feuerwehrmann anredend: Was wollen Sie eigentlich hier? Zu löschen gibt’s hier nichts – leise: noch nicht. Wieder lauter: Und behaupten Sie bloß nicht, Sie seien von der Feuerversicherung und müßten sich das Haus anschauen – die Masche zieht bei mir nicht!

Schweigend nimmt der Feuerwehrmann wieder platz.

Hausmeister: Ich schreie hier eigentlich niemand bestimmtes an, ich schreie ganz allgemein! Kurze Pause. Und außerdem – wo soll ein Mann wie ich gutes Benehmen gelernt haben – schließlich war mein Vater Kokereiarbeiter! Eine harte Jugend ist gar kein Ausdruck – ich hatte überhaupt keine!

Plötzlich sind Schüsse zu hören, danach wieder vereinzelte Schreie. Ängstlich kauert sich der Hausmeister unter die Werkbank, nicht ohne jedoch im Vorbeigehen das Radio zu greifen und mit unter die Bank zu nehmen. Er scheint es gleichsam zärtlich zu umarmen und drückt auf irgendeinen Knopf.

Radiostimmenchor:
Blinder als blind ist der Ängstliche,
Zitternd vor Hoffnung, es sei nicht das Böse,
Freundlich empfängt er’s,
Wehrlos, ach, müde der Angst,
Hoffend das beste…
Bis es zu spät ist.

Wie verrückt am Sendersuchlaufrädchen drehend, verzweifelnd: Ich habe keine Angst! – Was war das eigentlich für ein merkwürdiges Programm? Findet eine neue Frequenz, jedoch mit demselben Sender.

Radiostimmenchor:
Der, um zu wissen, was droht,
Zeitungen liest
Täglich zum Frühstück entrüstet
Über ein fernes Ereignis,
Täglich beliefert mit Deutung,
Die ihm das eigene Sinnen erspart,
Täglich erfahrend, was gestern geschah,
Schwerlich durchschaut er, was eben geschieht
Unter dem eigenen Dach.

Wütend schlägt der Hausmeister auf das Radio ein, bis es wieder ausgeht: Jaaa – ja, ja, ja! Ich weiß doch, wie brennbar diese Welt ist! Deshalb lese ich doch Zeitung und höre Radio! Ich muß mich nicht belehren lassen. Was ist das überhaupt für ein komisches Stück, das hier gespielt wird? Über mir herrscht offenbar Terror, im Radio Horrormeldungen und Moralpredigten, und die Feuerwehr sitzt untätig herum. Ich will hier weg, sofort!

Er springt auf und rennt wie wahnsinnig auf den Feuerwehrmann im Publikum zu, bis sich dieser erhebt und dem Haumeister in den Weg stellt.

Lassen Sie mich durch! Lassen Sie mich verdammt nochmal sofort durch!

Der Feuerwehrmann packt ihn an der Schulter und drängt ihn zurück auf die Bühne. Nach kurzem Ringen gibt der Hausmeister auf und kehrt zur Werkbank zurück.

Witternd, zum Feuerwehrmann: Riechen Sie das? Kerosin! Kurze Pause. Riechen Sie’s etwa nicht?

Der Feuerwehrmann, immer noch stehend, schüttelt betont langsam den Kopf und setzt sich dann wieder.

Hausmeister, wahnhaft schreiend: Ich will endlich wissen, was hier eigentlich los ist! Kurbelt nochmals wie wild am Sendersuchlauf des wieder eingeschalteten Radios. Im selben Augenblick ertönt eine Brandsirene.

Der Feuerwehrmann erhebt sich, tritt zum Bühnenrand vor und wendet sich mit dem unter seinem Sitz befindlichen Megaphon ans Publikum: Sehr verehrte Damen und Herren! Bitte bleiben Sie ruhig – es handelt sich lediglich um eine Brandschutzübung. Verlassen Sie jetzt bitte zügig das Gebäude und sammeln sich auf dem Vorplatz des Haupteingangs. Dort erhalten Sie weitere Anweisungen. Ende der Durchsage. So gut wie niemand erhebt sich. Noch einmal lauter: ENDE DER DURCHSAGE! Da immer noch ein Großteil des Publikums sitzend verharrt, noch lauter und mit zeitweise überkippender Stimme: Ich wiederhole: Dies ist nur eine Brandschutzübung! Verlassen Sie zügig das Gebäude, und sammeln Sie sich draußen! Explosionsgeräusche sind zu hören. Kreischend: DIES IST NUR EINE ÜBUNG! NUR EINE ÜÜÜ-BUUUNG…

Flammender Vorhang.

Erstveröffentlichung in: Feuer im Foyer, hg. v. Schreibhaus e. V.; Bochum 2005 [ISBN 3-937840-05-2], S. 41 – 48.